Paris

In Frankreich siegt die Kirche

Die Katholiken haben sich Frankreich durchgesetzt, vor Gericht und auf der Straße. Nun können sie wieder zahlreicher die heilige Messe besuchen.
Frankreichs Katholiken
Foto: Benoit Tessier (X07241) | Da galt noch die 30 Personen Regel: Die Messe am vergangenen Sonntag in der Kirche St. Sulpice in Paris.

Die Beharrlichkeit hat sich gelohnt. Die französischen Katholiken können wieder zahlreicher die heilige Messe besuchen. Bisher hatte die Regierung nur 30 Personen pro Gottesdienst zugelassen. Die Bischöfe protestierten, wurden bei Staatschef Macron und Premierminister Castex vorstellig – ohne Erfolg. Die beiden Herren zeigten sich freundlich und unflexibel. Die Bischöfe suchten Unterstützung beim Staatsrat, der wies sie zunächst ab. Dann gingen sie mit dem Antrag einer einstweiligen Verfügung – die Zeit drängte – zum obersten Verwaltungsgericht und dort bewahrte ein Richter kühlen Kopf und Verstand. Er kassierte das Dekret. Auch der Staatsrat, an den sich die Bischofskonferenz als solche zusätzlich zum Pariser Erzbischof Michel Aupetit sowie einigen Laienvereinigungen erneut gewandt hatte, lenkte ein. Die Regierung wurde aufgefordert, binnen drei Tagen ein neues Dekret zu verfassen und die Anzahl der Gläubigen, die an den Gottesdiensten in der Adventszeit und vor allem während der Festtage teilnehmen wollen, den Gegebenheiten anzupassen.

Lapsus des Premiers

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Die Argumente waren auch zu gewichtig, um weiterhin nicht beachtet zu werden. Beispiel: 30 Personen in der Basilika Sankt Pius X. in Lourdes (201 Meter lang, 81 Meter breit und ein Fassungsvermögen bis zu 25.000 Menschen) würden bedeuten, dass von dem Raum 0,0012 Prozent besetzt wären und dass jede Person 400 Quadratmeter um sich hätte. Oder die Kathedrale von Amiens, der Heimatstadt Macrons: 145 Meter lang, 70 Meter breit – das entsprächen 257 Quadratmeter pro Person. So könnte man viele Beispiele nennen und sie den Regeln der Supermärkte gegenüberstellen, wo ein Abstand von zwei Metern, also ein Acht-Quadratmeter-Radius gefordert wird. Der Hochkommissar für die Zukunftsplanung, Francois Bayrou, versuchte das Gesicht der Regierung zu retten, indem er von einem Lapsus des Premiers sprach. Castex habe 30 Prozent gemeint, nicht 30 Personen. Auch der Innenminister kam seinem Premier zu Hilfe und meinte, die Priester könnten doch mehrere Messen lesen.

Die Antwort eines Laienverbandes: Selbst bei zehn Messen pro Tag könnten in einer Woche nur 2.100 Gläubige der Eucharistiefeier beiwohnen. Die Verhandlungen zeigten, wie fremd diese Regierung der Wirklichkeit in den Gemeinden und dem religiösen Leben gegenübersteht. Auch die Begründung des Staatsrats zur Revision der Bestimmung war für einen laizistischen Staat bemerkenswert. Der Rat stellte einen „wesentlichen Unterschied“ fest zwischen Publikumsorten wie Kinos, Theatern auf der einen und „Kultstätten“ auf der anderen Seite. Er spricht sogar von einer „anderen Natur“ und leitet daraus auch eine höhere Bedeutung für das Grundrecht der Religionsfreiheit ab. Für die Freimaurer in den Regierungspalästen Elysee und Matignon war das wie eine Ohrfeige. Vielleicht waren die Richter und Staatsweisen auch beeindruckt von der katholischen Ernsthaftigkeit, die sich nicht nur in den Demarchen der Bischöfe, sondern auch auf der Straße manifestierte. Denn es waren eben nicht nur die Bischöfe, die in den Kampf mit den Behörden zogen, hinter ihnen stand auch das katholische Volk, das sich die Messe nicht nehmen lassen wollte und in vielen Städten zu hunderten Personen vor die Kirchen ging, um dort zu beten und zu beichten – immer mit gebührendem Abstand.

Nicht die einzige Niederlage Macrons

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Es war nicht die einzige Niederlage Macrons in diesen ersten Adventstagen. Auch das Gesetz zur umfassenden Sicherheit muss in einem wichtigen Punkt revidiert werden. Artikel 24 dieses Gesetzes, das die Polizeikräfte besser schützen und das unter dem früheren Innenminister Castaner zerrüttete Verhältnis zwischen Sicherheitskräften und Regierung wieder kitten sollte, stellt die Veröffentlichung von Bildern von Polizisten im Einsatz unter bestimmten Umständen unter Strafe. Journalisten und Opposition protestieren gegen „Eingriffe in die Pressefreiheit“ und wie bestellt gingen zwei Videos viral, die zeigten, wie Polizisten brutal auf wehrlose Zivilisten einprügeln. Innerhalb von wenigen Stunden sahen zwölf Millionen Franzosen das erste Video, auch Macron. Es kam zu Protestaktionen und Demonstrationen am Wochenende, an denen nach offiziellen Angaben 135 000 Personen teilnahmen, man kann also von der doppelten Teilnehmerzahl ausgehen. Das zweite Video folgte im Zuge dieser Demos, in der Präsidentenpartei drohte ein Aufstand gegen das Gesetz und Macron bestellte die zuständigen Minister und Abgeordneten ein. Der Artikel 24 werde „völlig neu verfasst“ hieß es noch am Abend.

Die Katholiken und ihre Hirten mag Macron besänftigt haben. Ob sie ihn in 16 Monaten wählen, ist eine Frage der Alternative. Und ob die Rebellion der Straße mit der Revision des Artikel 24 beendet ist oder neue Anlässe einer sichtlich nervösen Regierung mit einer zunehmend unkontrollierbaren und schwindenden Parlamentsmehrheit zu einer Situation wie mit den Gelbwesten inklusive Straßenschlachten führen, ist noch nicht absehbar, aber durchaus möglich. Macrons Ansehen haben die letzten Wochen jedenfalls erheblichen Schaden zugefügt. Sein Stern als Krisenmanager und Reformator sinkt.

 

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