Frankfurt/Hamburg

Im Umgang mit dem Islam nicht blauäugig sein

Wie verhalten sich Vertreter der katholischen Kirche gegenüber dem politischen Islam? Zu unkritisch? Islam-Expertin Susanne Schröter diskutierte mit dem Islam-Beauftragten des Erzbistums Hamburg, Pater Richard Nennstiel.
Pater Richard Nennstiel,Islambeauftragter des Erzbistum Hamburg
Foto: privat | Pater Richard Nennstiel OP diskutierte an der Frankfurter Uni.

Durch die jüngsten Anschläge in Frankreich und Österreich hat die Diskussion um den politischen Islam in Europa einen neuen Stellenwert bekommen. Mit der Frage, wie weit der interreligiöse Dialog mit muslimischen Gemeinschaften gehen darf und wann der Kontakt zu bestimmten Verbänden wegen ihrer radikalen Einstellungen abgebrochen werden muss, setzt sich aktuell das „Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam“ in seiner 13. Vortragsreihe auseinander.

Ernst nehmen, aber kritisch hinterfragen

Vergangenen Donnerstag diskutierten die Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam, Die Ethnologie- Professorin Susanne Schröter, und der Islambeauftragte des Erzbistums Hamburg, Pater Richard Nennstiel OP, über das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und dem politischen Islam.
Im interreligiösen Dialog sei es zwar wichtig, den Gesprächspartner ernst zu nehmen, aber ihn auch kritisch zu hinterfragen, betonte Pater Nennstiel. „Dabei entstehen zwar auch Konflikte, aber Konflikte können ja auch heilsam sein“, ist er überzeugt. Jedoch sei es wichtig zu unterscheiden, wann ein seriöser Dialog stattfinde und wann die Verbände einen für Propagandazwecke missbrauchen wollten.

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Blauaäugigkeit erkannte Nennstiel dabei beim Dialog einiger Vertreter der katholischen Kirche mit radikalen Muslimen. Das Al-Mustafa Institut beispielsweise pflege eine direkte Verbindung zum Iran, weshalb Nennstiel Katholiken, die dort auftreten, stark kritisierte. Ebenso wie im „Zentralrat der Muslime“ sei hier die „Crème de la Crème des politischen Islam versammelt“. Nennstiel gesteht, dass er selbst einige Zeit lang blauäugig im Dialog mit Muslimen gewesen sei. „Wir lassen uns häufig zu sehr von der Mystik blenden und beachten zu wenig die faktische Wirklichkeit der ideologischen Gefahr. Man darf das eigentliche Ziel nicht ausblenden“, beschrieb er.

Allerdings steht Pater Nennstiel auch heute noch in Kontakt mit dem „Islamischen Zentrum Hamburg“, in dem Susanne Schröter wiederum die Stellvertretung des Iran in Westeuropa sieht. Imam Mohammed Hadi Moffateh, der geistliche Leiter des Zentrums, gelte als der Vertreter des iranischen „Obersten Führers“ in Europa. Somit spiele das IZH nicht nur in Deutschland eine zentrale Rolle, sondern für Muslime in ganz Europa, betonte Schröter in der Diskussion mit dem Pater.

Druck auf die Öffentlichkeit nimmt zu

Pater Nennstiel seinerseits hob hervor, dass das IZH nicht isoliert gesehen werden könne: Um die „blaue Moschee“ bestehe ein ganzes Netzwerk, das die iranische Propaganda verbreite. Ein Beispiel:  Die türkischstämmigen Brüder Özoguz in Delmenhorst betreiben den Blog „Offenkundiges“ und das Internetportal „Muslim-Markt“ und „Muslim-TV“. Über diese Kanäle verbreiteten sie die islamistische Ideologie des Iran. Grundsätzlich will Nennstiel zwischen  dem politischen Islam und dem regulären unterscheiden.  Von politischem Islam könne nur dann die Rede sein, wenn aus der Religion eine Herrschaftsideologie werde. Der Pater rechnet damit, dass der politische Islam bald seinen Höhepunkt erreicht habe. „Eine derartige Ideologie kann man den Menschen nicht auf Dauer aufzwingen, weil sie zum Beispiel durch das Internet ja auch andere Einflüsse bekommen“, so Nennstiel, der auch Prior des Dominikaner-Konvents in Hamburg ist.

Auch Teilnehmer der digital übertragenen Diskussion meldeten sich zu Wort.  Ein Zuhörer gab zu bedenken, dass der Druck von Seiten der Vertreter des politischen Islams auf die Öffentlichkeit zunehme, auch mit Blick auf solche Veranstaltungen. „Die Bedrohung ist da, aber wir müssen auch sehen, dass sich die Bedrohung nicht nur gegen Christen wendet. Auch Muslime, die sich um einen Dialog mit Christen bemühen, werden teilweise bedroht“, antwortete Nennstiel. Außerdem sei es wichtig, so in den interreligiösen Dialog zu gehen, dass Kritik auch angenommen werden könne. „Denn die Christen hier sind ja meistens nicht die Leidtragenden, sondern die Christen vor Ort.“ Eine weitere Teilnehmerin berichtete unter Tränen davon, wie sie selbst aus dem Iran geflohen sei. Auf ihre Frage, wann Nennstiel die Grenzen zur Radikalität bei seinen Gesprächspartnern überschritten sehe, antwortete er: „Es ist ein schwieriger Prozess zu entscheiden, wo Gespräche noch Sinn machen. Aber normalerweise bin ich gegen einen Abbruch der Gespräche, weil man sich nur dort austauschen kann. Aber die Gespräche dürfen niemals gegen die Menschenrechte gehen.“

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Am Ende betonte auch Susanne Schröter, dass es beim Dialog nicht darum gehe, in allem einer Meinung zu sein. „Das wäre ja schrecklich, die Demokratie lebt schließlich von verschiedenen Meinungen.“ Sowohl ihr als auch Pater Richard Nennstiel sei es ein großes Anliegen, die Gesellschaft nicht zu spalten, sondern mit „offenem Visier“ zu arbeiten. Schröter und Nennstiel scheinen sich somit einiger zu sein, als es zunächst den Eindruck gemacht hat.

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