„Im Mittelpunkt muss der Mensch stehen“

Woche für das Leben: Der Mannheimer Mediziner Bauer vom Deutschen Ethikrat über Gerechtigkeit im Gesundheitswesen

2009 haben gesetzliche Krankenkassen rund 171 Milliarden Euro für das Gesundheitswesen ausgegeben. Geld, das von den Bürgern erwirtschaftet werden muss und begrenzt zur Verfügung steht. Vor welchen Herausforderungen stehen Politik und Gesellschaft bei einer Finanzierung des Gesundheitssystems?

Es wird in Zukunft die Schwierigkeit geben, die begrenzten Ressourcen gerecht zu verteilen. Und es stellt sich die Frage, nach welchen Prinzipien und Kriterien dies geschehen soll. Da gibt es beispielsweise die utilitaristische Auffassung, die Gesundheit als ein abstraktes Gut betrachtet, das es zu maximieren gilt. Daneben gibt es noch deontologische Anschauungen, die mehr an den Rechten und speziell an den Grundrechten der Menschen orientiert sind. Meiner Meinung nach kann es nicht darum gehen, Gesundheit – in hinzugewonnenen Lebensjahren gemessen – kollektiv zu maximieren. Im Mittelpunkt muss der einzelne Mensch mit seinen Bedürfnissen stehen, die von der Gemeinschaft so finanziert werden müssen, dass eine Ausgewogenheit entsteht zwischen Subsidiarität und Solidarität. Was den Einzelnen überfordert, weil es zu teuer ist, aber für sein Leben und seine Gesunderhaltung wichtig ist, sollte solidarisch finanziert werden. Bei weniger dramatischen Krankheitszuständen ist der einzelne Patient gefragt. Sonst entartet das Gesundheitswesen zu einem Supermarkt, der keine Kasse hat.

In welcher Weise können sich die Kirchen bei der Frage einer gerechten Gestaltung des Gesundheitswesens einbringen?

Die Kirchen haben hier eine wichtige Aufgabe, unter anderem im deutschen Ethikrat, wo zwei Vertreter der Kirchen in dieser Arbeitsgruppe Ressourcenallokation mitarbeiten und mit Recht darauf hinweisen – sowohl im Rat als auch in der Öffentlichkeit –, dass es knappe Güter gibt. Dazu gehören die Güter der gesundheitlichen Versorgung, die es gerecht zu verteilen gilt und nicht nach ökonomischen Prioritäten – also danach, womit man am meisten Geld verdient, womit man Profite maximiert. Im Mittelpunkt muss der einzelne Bürger, der einzelne Mensch stehen. Allerdings darf auch die Sozialgemeinschaft nicht vergessen werden, die schließlich die Versorgung des Einzelnen solidarisch gewährleisten muss. Hier müssen wir dieses Wechselspiel von Subsidiarität und Solidarität ins Zentrum stellen. Die katholische Kirche hat das immer getan und sie sollte das beim Thema Gesundheit auch in Zukunft weiterhin tun.

Was kann die Kirche mit der Veranstaltung „Woche für das Leben“ erreichen?

Dabei geht es nicht zuletzt darum, auf die Wichtigkeit des Lebensrechtes hinzuweisen, sowohl am Anfang wie auch am Ende des Lebens, das das Thema Gesundheit sehr stark betrifft. Die Woche für das Leben ist sicherlich eine geeignete Institution, um darauf aufmerksam zu machen, dass das Gesundheitswesen im Interesse der Menschen da sein muss und nicht nur der Profitmaximierung unterworfen werden darf. Da haben wir beispielsweise am Lebensanfang das Problem der Auswahl von menschlichem Leben – man denke nur an behinderte Kinder, die das Gesundheitswesen belasten, aber sehr wohl ein Recht darauf haben zu leben. Hier ist es ganz wichtig, dass die Kirchen nicht nur die Politik anspricht, sondern auch die Öffentlichkeit, da die Menschen im Land letzten Endes auch diejenigen sind, die eine Abtreibung durchführen lassen oder Anhänger der Sterbehilfe sind. Die Politik reagiert häufig nur auf Anforderungen, die von der Basis her an sie herangetragen werden. Die Kirche kann hier immer wieder Zeichen setzen und ich meine, das sollte sie auch tun.

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