Im Blickpunkt: Ungenutzter Spielraum

Von Regina Einig

Die Reaktionen auf den vatikanischen Fragebogen zur Vorbereitung der Außerordentlichen Synode zu Familienfragen sprechen für sich. Zwischen Hamburg und München werden zwar lautstark breite Diskussionen gefordert, zugleich die Linien aber eng ausgezogen. Wer die Wortmeldungen dieser Woche vor Augen hat, könnte auf den Gedanken kommen, der Vatikan habe dem Dauerbrenner „wiederverheiratete Geschiedene“ im Fragebogen Priorität eingeräumt. Den zentralen Punkt möchte man offensichtlich lieber meiden. Jedenfalls beschäftigt sich bisher niemand mit der Frage Nummer eins: Wie steht es um die wirkliche Kenntnis der Bibel, um die Kenntnis von „Gaudium et spes“, „Familiaris consortio“ und anderer Dokumente des nachkonziliaren Lehramtes über die Bedeutung der Familie nach der Lehre der Kirche? Erst auf dieser Grundlage können weitere Fragen sinnvoll behandelt werden, ohne dass sich Engführungen und Nebenschauplätze ergeben. Schenkt man Seelsorgern und kirchlich engagierten Familien Glauben, gibt es hier auch am meisten zu tun – sowohl vor als auch nach der Eheschließung.

Ausgerichtet sind die Wortmeldungen auf Frage Nr. 4. Die Fragesteller haben kirchenpolitischen Ambitionen schon im Vorfeld das Wasser abgegraben: Der Sakramentenempfang für Gläubige in schwierigen Ehesituationen steht auch hier nicht am Beginn. Gefragt wird nach den Pastoralplänen. Hier werden manche deutschen Gremien passen müssen. Geschiedene, wiederverheiratete Geschiedene und ihre Kinder könnten heute ein Lied davon singen, wie viele Chancen christlicher Barmherzigkeit täglich verschenkt werden. Kein Komma der katholischen Lehre oder des Kirchenrechts braucht geändert zu werden, um betroffene Personen zur Sonntagsmesse oder zu Einkehrtagen einzuladen, für caritative Aktivitäten zu gewinnen und ihnen mit Hausbesuchen, Einzelgesprächen, Hilfen bei der Wohnungssuche oder für die Kinder beizustehen. Solange katholische Schulen Scheidungskindern die Aufnahme verweigern mit der Begründung, die Noten reichten eben nicht, lohnt es sich, kühlen Kopf behalten. Wie stark die eucharistische Sehnsucht wiederverheiratete Geschiedene tatsächlich drängt, ist zwar eine Frage wert. Die Synode bietet aber keinen Aufhänger, um sich zurückzulehnen und von „Rom“ Änderungen zu fordern. Die Fragestellung zeigt, dass Strukturänderungen nicht im Vordergrund stehen. Die Frage ist, wie Ortskirchen dem Prinzip Trägheit und schierem Unwissen zu Leibe rücken.

Themen & Autoren

Kirche