Im Blickpunkt: Nicht Berlin, sondern Prag

In der Tschechischen Republik, so hatte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi noch am vergangenen Dienstag vor Journalisten erklärt, werde Benedikt XVI. grundlegende Themen des europäischen Kontinents ansprechen. Nicht nur wegen der geographischen Lage des Landes, sondern auch wegen des Falls der kommunistischen Regime vor zwanzig Jahren. Die heute beginnende dreizehnte Auslandsreise des Papstes darf also auch als sein Beitrag zum allgemeinen Gedenken an den Mauerfall im Jahr 1989 verstanden werden. Er hätte das auch von Berlin aus machen können. Aber er wollte das nicht. Stattdessen wird Papst Benedikt von einem Land aus, dass vor zwanzig Jahren jenseits des Eisernen Vorhangs lag, sein Wort zum Kontinent Europa sprechen, der vor zwanzig Jahren begann, wieder zusammenzuwachsen. Und er tut das in einem Umfeld, das für das säkularisierte Europa beispielhaft ist. Nur ein Drittel der zehn Millionen Einwohner Tschechiens ist katholisch, die überwiegende Mehrheit atheistisch. Eine Mehrheit, die zwischen Gleichgültigkeit gegenüber dem christlichen Glauben und einem tief sitzenden antikatholischen Ressentiment schwankt.

Erst die Verbrennung von Jan Hus' 1415 auf dem Konzil von Konstanz, dann der Dreißigjährige Krieg und der Sieg der katholischen Liga 1620 in der Schlacht am Weißen Berg, mit dem die Fremdherrschaft der katholischen Habsburger über Böhmen begann. Benedikt XVI. weiß, dass das Land, das einst im neunten Jahrhundert Missionsgebiet der beide Slawenapostel Kyrill und Method war, heute wieder einer Neuevangelisierung bedarf. Jedoch allzu großen Optimismus versprühen die Bischöfe Tschechiens nicht. Schon Johannes Paul II. hat das Land 1990, 1995 und 1997 besucht, ohne dass daraus eine Art Renaissance des Katholischen geworden ist. Es dürfte dem Papst überhaupt mehr darum gegangen sein, eine Stadt im Herzen Europas zu finden, von der aus er einen weithin beachteten Appell an den gesamten Kontinent richten kann. Prag und hier vor allem die Begegnungen mit den Diplomaten, den Kulturschaffenden und am Montag mit der Jugend dürften das Podium bieten, um an die christlichen Wurzeln der europäischen Kultur zu erinnern. Beginnen wird er die Reise jedoch beim Prager Jesulein, bevor es nach Brno (Brünn) und Stará Boleslav (Alt-Bunzlau) weitergeht. Die offenen Fragen zwischen Staat und Kirche wie die Reparationszahlungen für verlorenen Kirchenbesitz während der sozialistischen Ära, das hat Pater Lombardi auch erklärt, dürften bei diesem Pastoralbesuch keine prägende Rolle spielen. Guido Horst

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