Im Blickpunkt: München, Freising und noch mehr?

Selten sind die Erwartungen an einen katholischen Bischof so hochgesteckt wie an Reinhard Marx, der heute im Münchner Liebfrauendom an die Spitze der zweitgrößten deutschen Diözese tritt. Viele Katholiken im Erzbistum haben das Papstwort vom manchmal müden Christentum noch im Ohr und hoffen auf frischen Wind. Welche politischen Akzente Marx in der Landeshauptstadt setzt, wird die Freisinger Bischofskonferenz aufmerksam beobachten. Bayerns Oberhirten brauchen die Unterstützung des Münchner Erzbischofs, um eine kirchenpolitisch eher aufgeregt agierende Medienszene zu beruhigen und diözesane Erblasten aufzuarbeiten. Hierzu gehört auch die Verzahnung von „Donum vitae“ mit der katholischen Laienarbeit – ein ungelöstes Problem, das auch Marx in München vorfindet. Und so mancher Bischof sähe es gern, wenn der Westfale in wenigen Tagen noch eine drittes Amt übernähme: den Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz. Dazu hat Marx dem Vernehmen nach keine große Lust. Mehr ist dazu auch nicht zu sagen. Gerade ein klares Nein aus dem Mund des Münchner Erzbischofs würde mancher fromme Mitbruder als Zeichen wahrer Berufung werten.

Die Wahl des Vorsitzenden könnte ein Parforceritt werden, bei der Kardinal Lehmann mit entschlossener Hand Regie führt. Vor allem der frühe Wahltermin dürfte ausführliche Beratungen im Vorfeld erschweren: Keine 24 Stunden nach der Eröffnung der Frühjahrsvollversammlung soll der Name des Nachfolgers bereits feststehen. Vieles spricht für Marx: Als mediengewandter, humorvoller Intellektueller, der es versteht, die Positionen der katholischen Kirche in politischen Debatten darzustellen, überzeugt er die Öffentlichkeit. Der Seelsorger Marx verweigert weder Traditionalisten noch Skeptikern das Gespräch und verkörpert eine neue Unbefangenheit. Einen Vorsitzenden, der das Amt nicht bewusst angestrebt hat, empfänden viele Gläubige nach der Ära Lehmann als erfrischende Abwechslung.

Trotz seiner unbestreitbaren Eignung stünde Marx freilich vor der Quadratur des Kreises. Ehe er sich zwischen drei Mammutaufgaben aufreibt, bliebe zu klären, ob denn bei der Vollversammlung im Februar wirklich so dringend gewählt werden muss. Falls die Bischöfe die Wahl auf den Herbst vertagen und der stellvertretende Vorsitzende Bischof Mussinghoff die Geschäfte kommissarisch weiterführt, haben alle Beteiligten eine Schonfrist gewonnen – und die Gläubigen nichts verloren. Denn der Vorsitzende ist, wie Kardinal Lehmann einmal zutreffend sagte, kein „deutscher Papst“. Es geht also auch einmal ohne ihn. Regina Einig

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