Im Blickpunkt: Kulturkampf in Italien

Von Guido Horst

Ob die Verabschiedung eines Gesetzes, das nun auch in Italien eingetragene Lebenspartnerschaften für homosexuelle oder lesbische Paare möglich macht, aus Sicht der katholischen Kirche einen weiteren „Dammbruch“ darstellt, lässt sich kaum beantworten. Auch das letzte westeuropäische Land, das am Mittwoch den Weg freigemacht hat für die dort so genannten „Zivil-Unionen“, ist ein in weiten Teilen säkularisierter Staat.

Die italienischen Bischöfe hatten sich entschieden gegen die Worte „Ehe“ oder „Trauung“ in dem zur Debatte stehenden Gesetzentwurf ausgesprochen – und noch entschiedener gegen das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare. Ansonsten aber verhielten sie sich auffallend dezent – vor der entscheidenden Abstimmung in der Abgeordnetenkammer, bei der 371 Parlamentarier für das Gesetz stimmten, 55 dagegen und 99 sich der Stimme enthielten. Aber auch danach. Die katholisch geprägte Familienbewegung „Family day“ und einige konservative Abgeordnete sowie die Los-von-Rom-Partei „Lega Nord“ wollen das Gesetz per Volksabstimmung im Oktober kippen. Der ein oder andere Pfarrer unterstützt das. Aber die italienische Kirche als solche nicht. Die Bischofskonferenz des Landes hat längst erkannt, dass die Zeiten vorbei sind, „kulturelle Schlachten“ zu schlagen und zu gewinnen. Das gelang noch unter Pius XII. und in den Jahren, in denen die Kommunisten kurz davor standen, politisch die Oberhand zu gewinnen. Aber schon bei der Einführung der Ehescheidung und der Liberalisierung der Abtreibungsgesetze stand die katholische Front am Ende als Verlierer da. Bei einem Widerstand gegen die „Zivil-Unionen“ wäre das jetzt erst recht der Fall gewesen. Der Deutsche Bundestag rühmt sich, bei Abstimmungen über ethische Themen „Sternstunden“ zu erleben, wenn der Koalitionszwang aufgehoben ist und jeder seinen Standpunkt offen vertritt. In dieser Hinsicht hat das italienische Parlament am Mittwoch eine „Schandstunde“ erlebt, denn Ministerpräsident Matteo Renzi hatte die Abstimmung mit der Vertrauensfrage verbunden. Es gab keine Debatte, nur die Stimmabgabe. Das hatten der Generalsekretär der Bischofskonferenz und ein sizilianischer Bischof heftig kritisiert (siehe DT vom 12. Mai). Ansonsten aber hat sich die Kirche in Italien mit dem neuen Gesetz, das ganz nach deutschem Vorbild gestrickt ist, abgefunden. Auch die gemäßigten oder konservativeren Politiker in der Regierungskoalition haben sich der Stimme enthalten, um die „Zivil-Unionen“ durchzuwinken. Das „Land der Päpste“ ist nicht mehr ur-katholisch. Der Realitätssinn der Bischöfe gebietet es, das anzuerkennen.

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