Im Blickpunkt: Kirchliche Pädagogik

Von Stephan Baier

Zwei bayerische Bischöfe entschieden 2013, einen „umstrittenen Kandidaten“ nicht zur Weihe zuzulassen, ein dritter bayerischer Bischof weiht ihn nun zum Diakon. Wer hat Recht? Alle, denn zwischen 2013 und 2017 fand etwas statt: ein begleiteter und moderierter Lernweg, an dessen Ende jemand für würdig befunden werden konnte, der es am Anfang des Weges ganz offensichtlich nicht war.

Vielleicht ist diese Verbindung von Wahrhaftigkeit und Barmherzigkeit das große Alleinstellungsmerkmal der Kirche in einer Zeit und Gesellschaft, die alles nach Wahrscheinlichkeit und Opportunität bemisst: Zur Wahrhaftigkeit gehört, dass ein Mann, der rassistische oder antisemitische Bemerkungen macht, für eine Weihe definitiv nicht infrage kommt – sei es, weil er tatsächlich rassistisch und antisemitisch denkt, sei es aus purer menschlicher Unreife. Zur Wahrheit der Kirche gehört nämlich ihr entschiedenes, alle Geweihten verpflichtendes Nein zu Rassismus und Antisemitismus.

Zur Barmherzigkeit, auf die Christus selbst die Kirche und alle ihre Glieder verpflichtet, gehört es, einem Gescheiterten und Gefallenen eine zweite Chance einzuräumen. Der biblisch bezeugte Umgang Gottes mit Seinen Auserwählten ist da eindeutig: Auch der Prophet David und der Apostel Petrus brauchten nach offenkundigem Versagen eine zweite Chance. Auch Moses, Abraham und Paulus hatten ihren Lernweg. Mit Ausnahme der Gottesmutter Maria, in der uns Gott heilsgeschichtlich singulär zeigt, wie das Menschsein des Menschen vom Schöpfer gewollt ist, bedürfen wir alle immer wieder einer neuen Chance. Optisch erinnern die Beichtstühle in unseren Kirchen daran. Auch wenn es paradox klingen mag: Wer sie nicht zu benötigen meint, zählt wohl eher nicht zu den großen Heiligen. Der verlorene Sohn musste erst mal bei den Schweinen landen, um den Lernweg vom Hochmut zur Demut zurückzulegen. Und der barmherzige Vater erhöht ihn, indem er den so Gereiften in die Arme schließt. Im Bewusstsein, dass Jesus mit diesem Gleichnis etwas über den verlorenen Menschen und den barmherzigen Gott sagte, kann die Kirche gar nicht anders, als barmherzig zu agieren.

Kritischer formuliert: Wo die Kirche nicht daran Maß nimmt, handelt sie nicht mehr kirchlich, sondern politisch – und muss dann akzeptieren, wie eine politische Größe behandelt zu werden. Sicher, politisch opportun ist es nicht, einen „umstrittenen Kandidaten“ zur Weihe zuzulassen. „Umstrittene“ Menschen wirft die Politik weg. Göttliche Pädagogik hat aus Petrus den Fels der Kirche und aus dem Christenverfolger Paulus einen großen Völkermissionar gemacht. Daran nimmt kirchliche Pädagogik Maß.

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Stephan Baier