Im Blickpunkt: Heiraten ohne Standesamt?

Zu Beginn des neuen Jahres fällt von der katholischen Kirche eine staatliche Fessel ab: Mit der Änderung des Personenstandsrechts am 1. Januar verschwindet ohne großes Aufheben ein Relikt des preußischen Kulturkampfs: das Verbot der kirchlichen Heirat ohne den vorherigen Gang zum Standesamt. Von Bismarck als Instrument gegen die Kirche als der einzigen Einrichtung mit einem eigenen Eheschließungsrecht eingesetzt, sollte sie die Gläubigen der staatlichen Ordnung unterwerfen.

Änderungen im weltlichen Recht haben dazu beigetragen, die Regelung innerlich auszuhöhlen. Beinhaltete das christliche Eheverständnis zu Bismarcks Zeiten noch gewisse Schnittmengen mit dem des Staates, so bietet der Gesetzgeber Christen heute kaum Identifikationsansätze. Für den Verkündigungsauftrag der Kirche stellt das Abdriften des Staates eher eine Belastung dar: Weder die sogenannte Homo-„Ehe“ noch das Scheidungsrecht, das eine aus kirchlicher Sicht auf Dauer eingegangene Lebensgemeinschaft zur beliebig veränderbaren Einrichtung umgestaltet hat, tragen zu einem wirklichen Verständnis der Ehe bei.

Die von Kritikern befürchtete Auflösung der Ehe als ganzheitlicher Lebensgemeinschaft ist daher unbegründet. Nicht das neue Personenstandsgesetz lässt religiös-sakramentale und bürgerlich-rechtliche Dimension der Ehe faktisch auseinanderfallen, sondern die Summe der dem christlichen Ehebild widersprechenden Neuregelungen, die der Staat ungeachtet kirchlicher Proteste eingeführt hat. Die Zielgruppe für eine kirchliche Trauung ohne Gang zum Standesamt dürfte unter den Gläubigen überschaubar bleiben, auch wenn einige Witwen ihr zweites Eheglück nun finanziell unbeschwerter genießen dürfen. Christliche Paare, die an Heirat denken, möchten normalerweise auch Kinder. Sie werden schon um der Familie willen früher oder später zum Standesamt gehen. Sinnvoll wäre es mit Blick auf die Europäische Union, auch in Deutschland über die Wahlzivilehe nachzudenken: Mehrere EU-Mitgliedsländer kennen diese Rechtsform, bei der auch die kirchlich geschlossene Ehe alle gesetzlich garantierten Rechte und Pflichten entfaltet. Das bedeutet eine angemessene staatliche Anerkennung der Rolle der Kirche, die auch in Deutschland zu den zuverlässigsten Partnern der Familie gehört. Wer Paaren in einer säkularisierten Gesellschaft den Sinn lebenslanger Treue und das Ja zu Kindern vermittelt, wird an der Vermittlung juristischer Fakten in der Ehevorbereitung kaum scheitern. Regina Einig

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