Leitartikel

Identität entdecken, nicht konstruieren

Auf der Suche nach dem, was den europäischen Teil der Welt im Innersten zusammenhält, kommen wir an Glaube, Geschichte und Tradition nicht vorbei.

Jacques Delors
Der frühere EU-Kommissionspräsident Jacques Delors wird auch heute nocht gerne zitiert. Foto: epa Villalobos (epa)

Auch Bischöfe zitieren gerne und zustimmend die Worte des französischen Sozialisten und früheren EU-Kommissionspräsidenten Jacques Delors: „Wenn es uns in den kommenden zehn Jahren nicht gelingt, Europa eine Seele zu geben, es mit einer Spiritualität und tieferen Bedeutung zu versehen, dann wird das Spiel zu Ende sein.“

Die Seele

Dahinter steht die Erkenntnis, dass sich die Bürger mit Paragrafen und Bürokratien, ja selbst mit dem erfolgreichen Binnenmarkt nicht identifizieren können, sondern ein „Europa mit Seele“ brauchen; zugleich aber die an den Turmbau zu Babel erinnernde Hybris, der Mensch könne selbst „Seele“ konstruieren und geben. Große Denker der europäischen Einigung von Richard Coudenhove-Kalergi über Robert Schuman bis Johannes Paul II. wussten, dass Europa eine Seele hat, die nur vergessen und verschüttet wurde, die also nicht zu erfinden, sondern zu entdecken ist.

Die europäische Idee

Um diesen Unterschied geht es heute in den gesellschaftspolitischen Schlachten auf EU-Ebene: Wenn das Europäische Parlament im Matić-Bericht Abtreibung zum Menschenrecht erklärt, aber das Lebensrecht des Kindes ignoriert, oder wenn EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen die Kinderschutz-Gesetze Ungarns als Verletzung von LGBTIQ-Rechten aburteilt, wird sichtbar: Das in Jahrhunderten zur Identität Europas Gewachsene (das Recht auf Leben und die Familie) wird dekonstruiert; neue Rechte und Tabus werden konstruiert (ein „Recht“ auf Abtreibung und LGBTIQ-Werbung).

Vermutlich glauben Matić, Von der Leyen & Co., sie seien die wahren Europäer, die Europa jetzt eine „Seele geben“. Tatsächlich spalten sie auf diesem Weg die EU und diskreditieren die europäische Idee. Beides ist nicht nur schade, sondern eine Katastrophe. Die EU ist nämlich ein überaus erfolgreiches Modell, das nicht nur darauf zielt, einen Raum des Wohlstands, des freien Reisens und der Sicherheit zu schaffen, sondern die Identität Europas zu sichern.

Identität der Nationen

Befremdet staunend beobachten viele Westeuropäer, dass jene Nationen Europas, die jahrzehntelang unter der Betonplatte kommunistischer Tyranneien litten, leidenschaftlich um die Frage ihrer Identität ringen. Ihre Selbstfindung in Glaube, Geschichte, Sprache und Kultur hatte der kommunistische Internationalismus ihnen lange gewaltsam verwehrt, ja er hatte ihnen die Seele zu rauben versucht. Zeitgleich verplemperte man im Westen die eigene Seele in einer konsumistischen Selbstverwirklichungsideologie, bis sich am Ende selbst kluge Europäer mit dem „Kapitalismus“ identifizierten. Ihn hielten sie für den Sieger des Kalten Kriegs und luden „die Osteuropäer“ gnädig ein, sich diesem System verspätet anzuschließen. Dies- wie jenseits des einstigen Eisernen Vorhangs wurde die EU lange – fälschlich! – nur als Bankomat wahrgenommen.

Nicht die Brieftasche

In den aktuellen Auseinandersetzungen geht es letztlich nicht um die Brieftasche, sondern um Identität, Souveränität und Freiheit. Wenn sich jene durchsetzen, die Europa als bloßes Konstrukt sehen, dessen Identität und Seele man voraussetzungslos erfinden und frei formen kann, wird die EU im Streit zerbrechen und in Chaos enden. Die einzige realistische Alternative ist eine Besinnung auf Europas in Jahrhunderten gewachsene Identität. Wer die Früchte seiner rechtsstaatlichen Entwicklung ernten will, darf die christlichen Wurzeln des europäischen Baumes nicht kappen.

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