„Ich weiß nicht, was aus uns werden soll“

Zwischen Verzweiflung und Widerstandsgeist – Impressionen aus Gaza. Von Oliver Maksan
Foto: dpa | Heimatlos im eigenen Land: Viele Bewohner Gazas haben kein Dach mehr über dem Kopf.
Foto: dpa | Heimatlos im eigenen Land: Viele Bewohner Gazas haben kein Dach mehr über dem Kopf.

Es ist still in Gaza. Nur das feine, permanente Surren der israelischen Drohnen über dem Gazastreifen stört am Donnerstagmorgen die Ruhe, die sich nach Wochen ohrenbetäubenden Bombardements über den Streifen gelegt hat. Ländlich wirkt das Gebiet hier im Norden, wo sich mit dem Erez-Checkpoint der einzige Personengrenzübergang zwischen Israel und Gaza befindet. Ein breiter Streifen unbebauten Landes, eine Mischung aus Sanddünen und verödeten Äckern, liegt zwischen der israelischen Mauer und den ersten Häusern Gazas. Kamelherden weiden in dieser Gegend. Weder darf hier gebaut noch Landwirtschaft betrieben werden. Israel besteht auf diesem Sicherheitsgürtel. Eselskarren ziehen gemächlich ihrer Wege auf den staubigen Straßen. Erst allmählich erwachen die schwergetroffenen Orte im Norden Gazas in den Tagen der Waffenruhe aus ihrer Schockstarre der vergangenen Wochen. Viele Geschäfte bleiben geschlossen, die Menschen wagen sich nur langsam aus ihren Häusern, als trauten sie dem Frieden nicht.

Im Schifa-Krankenhaus, dem größten Spital des Gebiets, ist die Lage anders. Hier, in Gaza-Stadt, herrscht auch während der Waffenruhe Hochbetrieb. Brüche, Quetschungen und Verbrennungen sind am häufigsten vertreten. Neben den Verletzten bevölkern zahlreiche Besucher der Patienten das Gebäude, in dessen Nähe während der vergangenen Woche Raketen niedergingen. Zahlreiche Menschen wurden verletzt. Israel spricht von palästinensischem friendly fire, die Hamas wiederum beschuldigt Israel. Khalil blickt teilnahmslos. Der 12-Jährige wurde schwer von einer Bombe verletzt, hat einen verwundeten Arm und den Körper voller Bombensplitter. Sein Vater schiebt einen in einem Rollstuhl sitzenden Jungen an sein Bett. Er sieht Khalil zum Verwechseln ähnlich. Es ist sein Bruder Ibrahim. Traurig blickt der Neunjährige aus seinen graublauen Augen. Er hat einen Fuß und einen Gutteil des Beins verloren. „Unsere Kinder haben draußen gespielt“, berichtet Vater Ahmad. „Einer der Nachbarjungs wurde getötet und einer verlor ein Auge, als eine israelische Bombe niederging. Es bricht uns das Herz, unsere Jungen so zu sehen. Aber Gott ist mit uns. Das wichtigste ist, jetzt Frieden zu bekommen.“

Vor dem Krankenhaus haben Flüchtlinge Unterkünfte aus Tüchern, Teppichen und Plastikplanen aufgebaut. Besonders solche, die medizinische Behandlung brauchen, haben hier ihre Zelte aufgeschlagen. Muffig riecht es in ihnen. Die Hitze staut sich. „Wir haben alles verloren“, erzählt Um Khalid. Die Frau musste nach einem Volltreffer mit ihrem kranken Mann und ihren dreizehn Kindern aus Schedschaija fliehen, jenem östlichen Stadtteil Gaza-Stadts, wo die israelische Bodenoffensive am 20. Juli auf massiven Widerstand stieß. Als „Massaker von Schedschaija“ ist der Tag schon jetzt ins kollektive Gedächtnis der Palästinenser eingegangen. Während ganze Viertel unberührt geblieben sind, liegen weite Teile Schedschaijas in Schutt und Asche. Nirgends sind die Verwüstungen größer als hier. „Sieben meiner Kinder durchsuchen die Ruinen unseres Hauses nach Dingen, die wir noch benutzen können. Ich habe aber Angst um sie. Erst vor kurzem wurden Menschen von einem einstürzenden Haus umgebracht.“ Um Khalid hat noch andere Sorgen. „Ich leide an Brustkrebs und muss dringend nach Nablus im Westjordanland zur Behandlung. Aber ich kann mir das nicht leisten. Jetzt ist das noch schwieriger als vorher. Ich weiß nicht, was aus uns werden soll.“ Ihren zwanzigjährigen Sohn Khalid lassen diese Worte nicht kalt. „Ich würde eine Niere verkaufen, um meiner Mutter zu helfen“, fährt er auf. Für sich sieht der junge Mann keine Zukunft. „Ich habe nur sechs Klassen besucht. Unser Heim haben wir verloren. Und Jobs gibt es auch keine. Es ist einfach alles hoffnungslos.“ Gefragt, wer an der misslichen Lage Gazas schuld sei, lässt Khalid keinen Zweifel: Israel sei verantwortlich, nicht „der Widerstand“. So werden Hamas und alliierte Gruppen in Gaza genannt. Die Mehrheit der Menschen Gazas denkt so. Sie halten den Raketenbeschuss auf Israel für ein legitimes Mittel, um ihren humanitären und wirtschaftlichen Forderungen Nachdruck zu verleihen.

„Selbst Leute, die die Hamas ansonsten nicht mögen, unterstützen den Widerstand“, sagt Maram. „Sie fühlen sich nicht missbraucht, sondern glauben, dass sie nur so nicht zur Passivität verdammt sind. Die Leiden nehmen sie in Kauf. Das gibt ihnen ein Gefühl von Würde zurück.“ Die junge Frau aus dem Norden Gazas hat Englisch und Französisch studiert. Sie ist eine bekannte Bloggerin, hat tausende Follower in aller Welt. Die Frage, ob es recht sei, israelische Zivilisten zu beschießen, lässt sie nicht gelten. „Das verdreht Ursache und Wirkung. Es muss sich etwas ändern. Wir müssen der Welt zeigen, dass wir für unser Zuhause und unsere Rechte kämpfen“, ist die junge Muslima überzeugt. „Wir leben hier in einem großen Freiluftgefängnis. Manchmal habe ich Beklemmungsängste.“ Maram berichtet, wie sie besonders die israelischen Leuchtbomben als Bedrohung empfunden hat. „Wir wussten nicht mehr, war es Tag oder Nacht. Es war, als ginge die Sonne auf.“ Kaum geschlafen habe sie während des vergangenen Monats. Seltsame Träume hätten sie bis in den Schlaf verfolgt. „Kürzlich habe ich sogar geträumt, ich hätte John Kerry getroffen und über den Frieden mit ihm verhandelt“, lacht sie. Sie genießt es sichtlich, in einem der Cafes von Gaza zu sitzen und der Enge der Wohnung zu entkommen, in die sie sich wie die meisten Bewohner Gazas während der vergangenen Wochen verkrochen hatte – die Christen inbegriffen.

„Es kommen momentan kaum Leute in die Kirche“, sagt Pater Mario, einer der Priester, die die katholische Pfarrei zur Heiligen Familie betreuen. Sie liegt mitten in Gaza-Stadt. „Kommen sonst sonntags vielleicht fünfzig Leute, sind es derzeit nie mehr als fünf. Es ist bei Beschuss einfach zu gefährlich, sich zu bewegen. Man bleibt am besten zu Hause. Wir machen deshalb so eine Art Telefonseelsorge. Jeden Tag rufen der Pfarrer und ich unsere Gläubigen an und erkundigen uns, wie es ihnen geht. Wir fragen, was sie brauchen, und versuchen sie auch geistlich aufzurichten.“ Der brasilianische Geistliche hat die Waffenruhe genutzt, um Lebensmittel zu kaufen. Tüten mit Nudeln, Reis und Keksen schleppt er über den verwaist wirkenden Kirchhof ins Haus. „Wer weiß, wie lange die Waffenruhe hält und wann wir das nächste Mal aus dem Haus können. Ich hoffe aber für die Menschen hier, dass der Spuk jetzt zu Ende ist und sie sich über Freitagfrüh hinaus einigen.“ Sein frommer Wunsch wurde ihm nicht erfüllt.

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