„Hilfe – wir ertrinken“

Die Länder des Südens erhoffen sich viel vom Kopenhagener Gipfel zum Klimawandel – Skepsis bleibt

„Hilfe, wir ertrinken!“ Mit diesen dramatischen Worten suchte jüngst der Präsident des Inselstaates Mikronesien, Emmanuel Manny Mori, die Teilnehmer der Europäischen Entwicklungstage in Stockholm aufzurütteln. Mori regiert 600 Inseln, die nur noch knapp aus dem Pazifischen Ozean ragen, denn der Meeresspiegel steigt unerbittlich. „Stellen Sie sich vor, ihr gesamtes Heimatland würde ein oder zwei Meter unter Wasser stehen!“, sagte der Präsident. „Das ist genau das, was bei uns passiert, immer öfter passiert. Mein Land ist kurz davor zu ertrinken.“

Dringende Appelle kamen bei den Entwicklungstagen in Stockholm auch von Vertretern afrikanischer Staaten, die vor allem mit extremer Trockenheit zu kämpfen haben. Stockholm diente zur Vorbereitung auf den großen Umweltgipfel in Kopenhagen im Dezember, bei dem die Auswirkungen des Klimawandels im Vordergrund stehen werden: Auswirkungen, die vielfältig sind und gerade die armen Menschen in den Ländern des Südens besonders treffen. Dabei sind die Auswirkungen von Ort zu Ort sehr unterschiedlich – nur 50 Kilometer weiter können sie ganz anders aussehen. Das macht die Klimaveränderungen so unkalkulierbar, sagen Fachleute.

Wissenschaftliche Daten werden vor allem vom Weltklimarat (IPCC = Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen) zusammengetragen, einem 1997 gegründeten internationalen Gremium, das eine Elite von Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Fachrichtungen der Klimatologie, Meteorologie, Geologie, Physik vereinigt. Analysen dieser Daten belegen eindeutig eine Zunahme von Naturkatastrophen im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte. Eine weitere alarmierende Feststellung des Weltklimarates: Nicht nur die Anzahl etwa der Wirbelstürme, auch ihre Intensität nimmt stetig zu. Konsens besteht bei den Wissenschaftlern des IPCC auch darin, dass der Klimawandel überwiegend durch den Menschen verursacht wird.

Für die Bevölkerung im Süden ist der Klimawandel inzwischen eine Realität, mit der sie leben muss. Mehr und mehr beginnt sie jedoch, diese Entwicklung nicht einfach nur als Schicksal zu begreifen, sondern über sinnvolle Anpassungsstrategien nachzudenken. Misereor-Referentin Nicole Piepenbrink traf sich auf den Philippinen mit Vertretern einer Bauernorganisation. „Die Grundidee der Bauern: Wir dürfen nicht nur eine Reissorte anzubauen, die möglicherweise beim nächsten Sturm oder der nächsten Flut komplett vernichtet wird.“ Stattdessen wollen die Bauern verschiedene Sorten Reis anpflanzen, die sich den unterschiedlichen Folgen des Klimawandels anpassen können.

Die Bauern haben sich bereits großes Wissen über einzelne Reissorten angeeignet: Zum Beispiel gibt es Reissorten, die bei einer Überflutung auch von zwei bis drei Tagen dem Wasser standhalten und später noch Ernte bringen. Andere Reissorten sind sehr widerstandsfähig gegen starke Winde, sogar Stürme. Und so gelingt es den Bauern durch eine vielseitige Bewirtschaftung ihrer Felder, nicht nur mit Reis, zum Beispiel auch mit anderen Grundnahrungsmitteln, Kartoffeln oder Früchten, sich quasi präventiv vor den Folgen des Klimawandels zu schützen.

Dem Klimagipfel in Kopenhagen blicken Vertreter aus Entwicklungsländern, aber auch Vertreter verschiedener, auch kirchlicher Entwicklungshilfeorganisationen mit Hoffnung und Skepsis entgegen. Zwar wendet sich die neue US-Regierung unter Präsident Obama dem Klimaschutz stärker zu. Mit Blick auf Kopenhagen sperren sich die USA allerdings weiterhin dagegen, das 1997 beschlossene Kyoto-Protokoll zu unterzeichnen. Das Kyoto-Protokoll ist ein Zusatzprotokoll zur Ausgestaltung der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen mit dem Ziel des Klimaschutzes. Es trat endgültig am 16. Februar 2005 in Kraft und legt erstmals völkerrechtlich verbindliche Zielwerte für den Ausstoß von Treibhausgasen in den Industrieländern fest.

Eines der Ziele bei der Konferenz von Kopenhagen soll sein, bereits ein Nachfolgeprotokoll für das 2012 auslaufende Kyoto-Protoll auszuarbeiten, also einen Post-Kyoto-Prozess anzustoßen. Die USA fordern eine gänzlich neue Vereinbarung – mit für Amerika günstigeren Bedingungen. Dies ist aber für die Gruppe der 77, die Gruppe der Entwicklungsländer, keine Verhandlungsbasis. Sie bestehen darauf, auf dem Kyoto-Protokoll aufzubauen. Aber auch von den europäischen Staaten wurden im Vorfeld keine konkreten Zusagen gemacht, etwa wie hoch ihre finanzielle Beteiligung an Maßnahmen zum Klimaschutz sein wird. Und so gibt es Befürchtungen, die Europäer könnten spezielle Klima-Programme mit der regulären Entwicklungshilfe verrechnen.

Tatsächlich argumentieren einige Staaten in der Europäischen Union – vor allem Deutschland und Frankreich – in diese Richtung. Sie insistieren, dass der „Klimafaktor“ aus vielen Programmen der Entwicklungshilfe nicht herauszurechnen sei. Von daher wollen sie keine zusätzlichen „Anpassungsgelder“ für den Klimaschutz geben, sondern eine Verrechnung mit dem gesamten Entwicklungsbudget. Andere Staaten innerhalb der EU, Dänemark und Schweden, die Niederlande und Spanien, stehen auf den Standpunkt, dass zusätzliche Gelder für Klimaprogramme dringend fließen müssen – eine von Entwicklungshilfeorganisationen immer wieder erhobene Forderung. Staaten wie Mikronesien werden gespannt sein, wer sich letztlich durchsetzt.

Themen & Autoren

Kirche