„Herr Beck sollte sich entschuldigen“

Norbert Geis, CSU-Bundestagsabgeordneter, über Kritik am Marburger Therapeutenkongress und die Therapierbarkeit von Homosexualität

Herr Beck wirft dem Kongress vor, „menschenfeindliche Pseudotherapien“ und „Übergriffe auf die Freiheitssphäre anderer Menschen“ zu dulden. Können Sie das verstehen?

Nein, dafür habe ich kein Verständnis. Es muss doch möglich sein, über solche Fragen in Ruhe diskutieren zu können. Das sind totalitäre Anwandlungen des Herrn Beck, denen man entgegentreten muss.

Aber hat Herr Beck nicht Recht, wenn er sagt, dass man auf einer Historikertagung auch dann keine Antisemiten dulden würde, wenn diese sich auf ihr Recht auf Wissenschaftsfreiheit beriefen?

Wie kann ich ein solches Problem gleichsetzen mit der großen Schuld des antisemitischen Verhaltens? Wie kann ich die Ermordung von Juden überhaupt in dieser Frage ins Spiel bringen? Das finde ich ungeheuerlich. Damit hat Herr Beck eigentlich selbst schon eine antisemitische Äußerung getan. Denn er hat Antisemitismus nicht als eine solitäre Erscheinung geachtet. Er setzt andere Formen von Meinungsäußerungen gleich mit antisemitischen Äußerungen. Man müsste Herrn Beck wirklich auffordern, sich für diese Entgleisung zu entschuldigen.

Unabhängig davon: Ist es für Homosexuelle nicht diskriminierend, als krank hingestellt zu werden – denn das impliziert ja eine Therapie?

Den Unterzeichnern der Erklärung geht es nicht darum, sich darüber ein Urteil zu erlauben. Es geht uns nur um die Frage, ob ich darüber ein wissenschaftliches Gespräch führen kann oder nicht. Ob sie dann wirklich krank sind oder nicht, ist eine ganz andere Frage. Aber ich muss doch darüber zumindest reden dürfen.

Betroffene argumentieren, dass die homosexuelle Orientierung Teil ihrer Persönlichkeit sei und Therapieversuche diese in Frage stellen würden.

Um nicht missverstanden zu werden: Homosexuelle dürfen in keiner Weise diskriminiert werden. Natürlich können auch homosexuelle Menschen so leben, wie sie das wollen. Diese Freiheit wird aber keineswegs eingeschränkt, wenn Wissenschaftler ein wissenschaftlich fundiertes und therapeutisch motiviertes Gespräch über Homosexualität führen wollen. Diskussion ist nicht Diskriminierung.

Aber ist der Grad nicht sehr schmal zwischen diskriminierender Homophobie und echter Sorge um die Mitmenschen?

Gegen Beifall von der falschen Seite ist man nie gefeit. Und natürlich muss ich, wenn ich über eine bestimmte Problematik diskutiere, aufpassen, dass ich niemanden dabei verletze. Ich sehe aber in der Themenstellung des Kongresses keine Verletzung von Persönlichkeitsrechten von Homosexuellen: Wenn die Frage gestellt und erörtert wird, was Homosexualität ist, dann muss man in einer freien Gesellschaft darüber auch ohne Scheuklappen und laut nachdenken dürfen. Wer dagegen ist, behindert die Ausübung von Freiheitsrechten wie Meinungs-, Wissenschafts- und Forschungsfreiheit. Das ist totalitäres Verhalten.

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