Heftige Kritik an Merkels Freude

Der Tod eines Menschen darf nicht bejubelt werden, sagen Bischöfe und Politiker – Westerwelle warnt vor Heroisierung von Al-Kaida
Foto: dpa | Angela Merkel zeigte sich erfreut über die Tötung Osama bin Ladens.
Foto: dpa | Angela Merkel zeigte sich erfreut über die Tötung Osama bin Ladens.

Berlin (DT/dpa/KNA) Bundeskanzlerin Angela Merkel steht wegen ihrer Äußerungen zum Tod von Osama bin Laden in der Kritik von Kirchen und auch von Mitgliedern ihrer eigenen Partei. Die Bundesregierung bemüht sich um Schadensbegrenzung. Wer die Bundeskanzlerin kenne, wisse, dass der Satz zum Ende des Al-Kaida-Chefs vom Montag im Zusammenhang zu verstehen sei, hieß es am Mittwoch in Berliner Regierungskreisen. Merkel habe lediglich die Erleichterung darüber zum Ausdruck bringen wollen, dass von Bin Laden keine Gefahr für unschuldige Menschen mehr ausgehen könne. Merkel hatte auf eine Frage wörtlich gesagt: „Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten.“ Eine US-Eliteeinheit hatte den Terroristenführer bei einer Blitzaktion in der Nacht zum Montag in Pakistan erschossen.

Der katholische Militärbischof Franz-Josef Overbeck kritisierte am Mittwoch in der Essener WAZ-Mediengruppe: „Man kann sich als Mensch und erst recht nicht als Christ über den Tod eines Menschen freuen. Das gilt auch, wenn er ein Gewalttäter war.“ Der Bischof von Essen erklärte, die Würde eines Menschen sei immer zu achten. „Es wäre besser gewesen, wenn sich Bin Laden vor einem Gericht seiner Verantwortung gestellt hätte.“ Overbeck nahm auch zu der Frage Stellung, ob ein „Tyrannenmord“ gerechtfertigt sei. Die Kirche werde eine solche Form der Tötung niemals gutheißen, sagte er laut Zeitung. Sie werde immer daran erinnern, dass es auch bei Tyrannen eine strenge ethische Abwägung geben müsse.

Der Bischof von Trier, Stephan Ackermann, sagte der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), auch wenn der Einsatz militärischer Gewalt aus ethischer Sicht im Extremfall bejaht werden könne, so erscheine es doch befremdlich, wenn der Tod von Menschen bejubelt werde. Ackermann ist Vorsitzender der Deutschen Kommission von Justitia et Pax (Gerechtigkeit und Frieden). Auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, wandte sich dagegen, den Tod eines Menschen mit Freude zu verbinden.

Der Vorsitzende des Bundestags-Rechtsausschusses, Siegfried Kauder (CDU), sagte der „Passauer Neuen Presse“ zu Merkels Äußerungen, er hätte das so nicht formuliert: „Das sind Rachegedanken, die man nicht hegen sollte.“ Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt sagte der „Berliner Zeitung“: „Als Christin kann ich nur sagen, dass es kein Grund zum Feiern ist, wenn jemand gezielt getötet wird.“ Man könne sich lediglich darüber freuen, dass Bin Laden nicht mehr als Anführer der Terroristen tätig sein könne. Das Vorgehen und die rückhaltlose Freude mancher darüber sollte Anlass zu Nachdenken und Debatten sein, sagte die Vizepräsidentin des Bundestags, die auch Präses der Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands ist. Es könne nicht die erste Absicht sein, jemanden zu töten, egal, wie schlimm er gehandelt habe.“

Auch die stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Ingrid Fischbach, ging zur Äußerung Merkels auf Distanz. „Aus christlicher Sicht ist es sicher nicht angemessen, Freude über die gezielte Tötung eines Menschen und über dessen Tod zu äußern“, sagte die Politikerin, die auch dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken angehört. Gleichzeitig dürfe nicht vergessen werden, dass Bin Laden über Jahre hinweg der Drahtzieher unzähliger Terroranschläge gewesen sei. Kritik an Merkel kam ebenfalls vom Sprecher des Arbeitskreises Engagierter Katholiken in der CDU, Martin Lohmann: „Das Lebensrecht ist unteilbar.“ Der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Dörflinger, Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, äußerte sich ähnlich: „Ich fühle Erleichterung, dass Osama kein Unheil mehr anrichten kann. Freude nicht unbedingt.“

Unterdessen warnte Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) vor überzogenen Reaktionen des Westens. „Wir müssen aufpassen, dass wir mit unseren Reaktionen im Westen – bei allem Verständnis für die Erleichterung – nicht Bilder in die Welt senden, die wiederum nur zu einer Aufstachelung oder Heroisierung Al-Kaidas beitragen“, sagte Westerwelle der Zeitung „Die Welt“. Es gelte, religiöse Kulturen zu achten und den Islam zu respektieren.

Die Tötung von Osama bin Laden hat nach Einschätzung des Münsteraner Islamwissenschaftlers Marco Schöller wenig Einfluss auf islamistische Terroristen. Zwar könnten sie künftige Anschläge als Racheakt für seinen Tod ausgeben, sagte er am Dienstag in Münster. Doch dieselbe Gewalt planten die Extremisten ohnehin. Ohne den Tod Bin Ladens hätten sie künftige Anschläge „schlichtweg anders begründet“. Daher seien für Aktivitäten der Extremisten keine großen Veränderungen zu erwarten. Schöller warnte den Westen vor falschen Vorstellungen des Dschihad. Dieser sei „nicht immer ein brutaler Kampf oder ein heiliger Krieg des Islam“. Für die meisten Muslime gehe es dabei „um einen inneren Kampf gegen die negativen Regungen der eigenen Seele, also einen Kampf um eine aufrechte Lebensführung“. Zwar liefere die islamische Tradition Anknüpfungspunkte für einen Dschihad, der Kampf und Krieg umfasse. „Gegen wen, mit welchen Mittel oder wozu der Kampf geführt werden darf, ist aber eine offene Frage.“ Wann und wo Gewalt aktuell werde, hänge von den Umständen ab. Dafür seien „wir alle verantwortlich, Muslime und Nicht-Muslime“.

Dagegen meinte der Nahost-Experte Ulrich Kienzle, Osama bin Laden könne in der arabischen Welt zum Märtyrer werden. Daran ändere auch die Tatsache nichts, dass die Leiche Bin Ladens im Meer versenkt wurde, denn der Al-Kaida-Chef sei ein Wahhabit. „Das ist die extremste Form des sunnitischen Glaubens. Die kennen keine Gräberinschriften. Da wird anonym beerdigt. Man hätte ihn also in seinem Heimatland beerdigen können, ohne dass ein Grab mit einem Märtyrerstatus entstanden wäre“, so Kienzle.

Themen & Autoren

Kirche