Bonn

Hat Kardinal Höffner seine Pflichten verletzt?

Auch der vormalige Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Höffner steht in der Kritik, mit Missbrauchsfällen pflichtwidrig verfahren zu sein. Abgeordnete wollen den Kardinal-Höffner- Kreis nun umbenennen.

Debatte um Kardinal Höffner
„Gott möge mir meine Sünden, mein Versagen, meine Schwächen und Nachlässigkeit vergeben“ – Kardinal Höffner in seinem „Geistlichen Testament“. Foto: Heinz Wieseler (dpa)

Die Auseinandersetzungen um die Kölner Missbrauchsaufarbeitung kommen nicht zur Ruhe. Nicht nur aktuellere Vorgänge beschäftigen die Katholiken in Deutschland, sondern jetzt auch die Person Joseph Kardinal Höffners (1906-1987), „Gerechter unter den Völkern“, Begründer des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Münster, Berater von Kanzlern und Ministern – und vor allem Seelsorger und Bischof in Münster und Köln.
Auf die Amtszeit des Kölner Erzbischofs fallen durch das „Gercke-Gutachten“ dunkle Schatten. Der Nachnachfolger Höffners, Rainer Kardinal Woelki, hatte es in Auftrag gegeben, um Pflichtverletzungen von Verantwortlichen benennen zu lassen, die im Umgang mit Taten sexualisierter Gewalt gefehlt hatten. Die Gutachter werfen Höffner acht Pflichtverletzungen im Zeitraum von 1975 bis 1987 vor.

Autorität über Parteigrenzen hinweg

Damit wird dem Bild des hochintelligenten, arbeitsamen und zugewandten Seelenhirten ein Aspekt hinzugefügt, der alles andere zu verblassen droht; die Frage nach Umbenennungen von Plätzen und des Kardinal-Höffner-Kreises wird bereits gefordert. Doch wie wird man einer so vielschichtigen Persönlichkeit gerecht, seinen Verdiensten und seinem Versagen? Angesichts der beeindruckenden Biographie Höffners sollte das Urteil differenziert ausfallen.
Der Bauernsohn aus dem Westerwald wurde von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. Als Pfarrer versteckte er 1943 ein jüdisches Mädchen vor der Judenverfolgung, ein jüdisches Ehepaar brachte er bei seiner Schwester unter.

Nach den Studien an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und an der Universität Freiburg wurde Höffner viermal in Philosophie, Theologie, Volkswirtschaft und Soziologie promoviert. Sein Einfluss auf die Geschicke der jungen Bundesrepublik und dem Gelingen der Sozialen Marktwirtschaft darf nicht unterschätzt werden. Und dabei war er nicht nur der gefragte Mann der Christdemokraten, sondern über Parteigrenzen hinweg eine unangefochtene Autorität.

Männerbündisches, klerikales System?

Als nun die „Zeit“-Beilage „Christ und Welt“ die Person Höffners beleuchtet, rückte vor allem der mit seinem sozialethischen und politischen Erbe – auch mit der geistig-moralischen Wende, die Kohl einst versprach – verbundene Kardinal-Höffner-Kreis in den Fokus. Der 1993 von CDU- und CSU-Politikern gegründete Zusammenschluss wollte die konservativen katholischen Politiker zusammenschließen. „Es sei ,Kameradschaft‘ gewachsen. Eine katholisch-konservative Bastion“ schreibt „Christ und Welt“ mit Verweis auf den CDU-Abgeordneten Georg Brunnuber, der dem ersten Vorsitzenden Norbert Blüm bereits 1994 nachfolgte.

Wenn 2009 der Kardinal-Höffner-Kreis mit Brunnhuber treu an der Seite Roms stand, als eine mediale Empörungswelle über Papst Benedikt XVI. hereinbrach, da er die Exkommunikation über Lefebvres Weihbischof Richard Williamson, aufgehoben hatte, obwohl er in einem Fernsehinterview den Holocaust geleugnet hatte, wenden sich heute einzelne Mitglieder des Kreises gegen ihren Namensgeber und fordern öffentlich Frauenordonation und Zölibatsaufhebung. So gibt die CDU-Politikerin Maria Flachsbarth gegenüber „Christ und Welt“ zu Protokoll: „Entscheidend sind die Strukturen, in denen Männer wie Kardinal Höffner standen. Entscheidend ist, dass sich die Strukturen der Kirche im Heute und Morgen so verändern, dass unsere Kirche wieder glaubwürdig und zukunftsfähig ist.“ Flachsbarth sagt, sie wolle keine Anhörung darüber, ob Kardinal Meisner oder Kardinal Höffner größere Schuld auf sich geladen hätten.  Missbrauchsfälle hängen für sie auch mit einem „männerbündischen und klerikalistischen System“ zusammen und der „absolutistischen Machtfülle von Bischöfen“: „Viele dieser Strukturen sind noch so wie zur Zeit von Kardinal Höffner.“

Ein weiteres Gründungsmitglied des Kreises, der katholische Publizist Martin Lohmann („Das Kreuz mit dem C“) wendet sich gegen die Bestrebungen im Höffner-Kreis, die Namen abzulegen. „Diejenigen, die jetzt über den 1987 verstorbenen Joseph Kardinal Höffner den Stab brechen wollen und rückwirkend eine fehlerfreie Persönlichkeit wünschen, machen sich nicht nur zu anmaßenden Richtern, sondern müssen sich auch fragen lassen, ob sie irgendeinen Bezug zu Barmherzigkeit, Fairness und Differenzierungsvemögen haben.“

Keine abschließende Entscheidung des Höffner-Kreises

Weiter appelliert Lohmann an den Kreis: „Wir sollten uns im Kardinal-Höffner-Kreis aber nicht zu willigen Helfershelfern der Zerstörungs-Ideologie der Cancel-Culture, die eine perfide Unkultur ist, und dem aufgepropften System der Kontaktschuld leiten lassen.“ Der Kardinal-Höffner-Kreis hat bislang noch keine abschließende Entscheidung über die künftige Namensgebung getroffen. Der Vorsitzende des Kreises, Christian Hirte (CDU), sagte der „Tagespost“, man strebe eine weitere Auseinandersetzung mit der Rolle des Namensgebers an.

Doch wie soll man weiter mit Höffner und seinem Andenken umgehen? Pater Johannes Zabel OP, Vorsitzender der Kardinal-Höffner-Gesellschaft, die sich vor allem des wissenschaftlichen Erbes annimmt, wendet ein, dass man die Fehler und Pflichtverletzungen zur Kenntnis nehmen müsse und sich damit auseinanderzusetzen habe, aber darauf allein dürfe die vielfältige Persönlichkeit von Joseph Höffner nicht reduziert werden. „Zur Persönlichkeit von Joseph Höffner gehört auch seine Ehrung als ,Gerechter unter den Völkern‘, da er in nationalsozialistischer Zeit dem siebenjährigen Mädchen Esther Sara Meyerowitz das Leben gerettet hat.“ Ebenso nennt er seine Rolle als Universitätsprofessor, mit der er in Deutschland und in der Weltkirche anerkannt gewesen sei. „Die Fehler von Joseph Höffner dürfen nicht relativiert werden, müssen aber in seine ganze Person und auch in seine Zeit eingeordnet werden“, so Zabel. Die Letztverantwortung für Pflichtverletzungen bleibe bei Höffner, auch wenn er sehr viel delegiert habe „und auch delegieren musste“.

Seine Milde war weithin bekannt

Höffner war nämlich über seine Aufgabe als Erzbischof von Köln weiterhin wissenschaftlich als Professor tätig und darüber hinaus mit der Führung der Deutschen Bischofskonferenz und weltkirchlichen Aufgaben betraut. Zabel weist darauf hin, dass Höffner bei ihm vorgelegte Verdachtsmeldungen zwar keineswegs tatenlos blieben, Sanktionen und Maßnahmen zum Opferschutz ergriff, sich aber eine konfliktscheue und nachsichtige Haltung bemerkbar gemacht habe, die sich möglicherweise auch auf die Behandlung von Missbrauchsfällen auswirkte. Seine Milde war weithin bekannt, wie ihm auch die Gutachter attestierten.

Zu bedenken gibt der Vorsitzende der Höffner-Gesellschaft auch den Kontext der Zeit. In den 1970er und 1980er-Jahren sei die Opferperspektive nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Gesamtgesellschaft erheblich unterentwickelt gewesen: „Die Große Strafrechtsreform von 1969 hatte in erster Linie die Rechte des Täters im Blick und führte zu einer Liberalisierung des Strafrechts. Eine vertiefte Reflexion der Opferperspektive erfolgte im staatlichen Recht zu einem späteren Zeitpunkt.“ Somit sei auch die Sensibilität für Opfer in der Kirche damals leider unterentwickelt gewesen; „die vielfach als Aufbruchsjahre glorifizierte Epoche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist auch eine ,Kernzeit kirchlicher Täterschaft gewesen‘ (vgl. FAZ.net, „Katholische Laien wollen sich an Aufarbeitung beteiligen“ vom 24. 4. 2021, Anm.)“.

Ob Kardinal Höffner – sein Wahlspruch „Gerechtigkeit und Liebe“ – geahnt haben mag, welche Fragen die Nachwelt stellen würde,  als er in seinem „Geistlichen Testament“ niederschrieb: „Gott möge mir meine Sünden, mein Versagen, meine Schwächen und Nachlässigkeit vergeben und mir auf die Fürsprache der Gottesmutter Maria ein barmherziger Richter sein. Ich bitte alle, die ich gekränkt und betrübt habe, oder die sich von mir nicht verstanden fühlten, um der Liebe Jesu Christi willen um Vergebung.“

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