Gymnasien sollen abgeschafft werden

Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologen-Verbands, über die Einführung von Einheitsschulen von Alexander Riebel
Die drei Bundesländer, Nordrhein-Westfalen, Hamburg und das Saarland, wollen Gymnasien abschaffen und die Einheitsschule einführen. Ist das berechtigt?

Es gibt einen Grund dafür, dass das Gymnasium in den Augen derer, die auf längeres gemeinsames Lernen setzen, das Hauptbollwerk ist, das einer Einheitsschule im Wege steht. Man glaubt, dass der Einheitsschule kein Widerstand mehr entgegengesetzt werden kann, wenn das Gymnasium nicht mehr existiert.

Was halten Sie vom längeren gemeinsamen Lernen?

Es wird der Eindruck erweckt, dass das längere gemeinsame Lernen überall üblich sei, nur in Deutschland nicht. Das ist ein Irrtum. Wenn Sie England, die Vereinigten Staaten, Japan oder Singapur betrachten, gibt es die Entscheidung, auf welche Schule das Kind geht, bereits vor der Einschulung. Nämlich ob das Kind auf eine private Schule geht, die sehr teuer ist und hohe Ansprüche stellt, oder ob es staatliche Schulen besucht, die dann die Kinder acht, neun oder zehn Jahre lang gemeinsam unterrichten. Wenn es so wäre, dass in Deutschland nach der vierten Klasse eine endgültige Entscheidung getroffen werden müsste über die weitere Schullaufbahn, wäre ich auch für längeres gemeinsames Lernen. Aber weil 42 Prozent in Deutschland die Hochschulreife nicht über das Gymnasium erwerben, macht die ganze Diskussion keinen Sinn.

Offenbar arbeiten die drei Bundesländer mit dem Trick, das Gymnasium durch zu volle Klassen ad absurdum zu führen...

Das ist eine Strategie, die schon einmal in den siebziger Jahren in manchen Bundesländern üblich war. In Bremen, Nordrhein-Westfalen oder Hessen, zum Teil auch in Niedersachsen: Man schafft das Gymnasium nicht ab, man verkürzt es. Im Saarland ist es um ein Jahr verkürzt, in Hamburg um zwei Jahre, in Nordrhein-Westfalen soll es zurückgedrängt werden. Und um diesen Prozess des Absterbens des Gymnasiums zu beschleunigen, wird es finanziell ausgehungert. Im Koalitionsvertrag NRW sind für bestimmte Klassen Höchststärken garantiert, aber nicht für Gymnasien. In Hamburg werden den Gymnasien ausdrücklich höhere Klassenstärken zugemutet als anderen Schularten und im Saarland droht eine ähnlich Verordnung.

Der grünen Hamburger Bildungssenatorin Christa Goetsch ist die Förderung von Migrantenkindern wichtiger als das humanistischen Gymnasium – ist das nicht absurd?

Dies ist tatsächlich absurd. Ich bin ein großer Anhänger von verstärkter Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund und von individueller Förderung generell. Aber Lehrer an humanistischen Gymnasien machen die Erfahrung, dass zum Beispiel das Fach Latein besonders gut Kindern mit Migrationshintergrund gute Leistungen ermöglicht, weil im Latein-Unterricht mangelnde Deutschkenntnisse nicht so durchschlagen, wie etwa im Englisch- oder im Französisch-Unterricht. Weil der Latein-Unterricht von Grund auf aufgebaut wird und wenig auf das Mündliche setzt, rein auf systematischen Spracherwerb, ist es falsch, dass Latein oder Griechisch Kinder mit Migrationshintergrund benachteilige.

Sie sprechen vom Kulturkampf gegen das Gymnasium – welche Chancen gibt es gegen die linke Ideologie?

Es geht eigentlich nicht um Chancengleichheit oder Chancengerechtigkeit, sondern um die Gleichheit der Ergebnisse, so dass alle am Ende das Abitur haben. Und dann meint man, man hätte eine gerechte Gesellschaft geschaffen. Aber das wird eben nicht funktionieren. Wenn die Schule nicht mehr nach Leistung differenziert, dann werden an die Stelle der Schulen andere Institutionen treten, die dafür sorgen, dass bestimmte Positionen verteilt werden und das wird sicherlich nicht gerechter sein. Dann werden Beziehungen eine Rolle spielen, Geld und anderes. Anstatt die Gesellschaft über die Schule zu verändern, muss wieder Leistung gefordert werden.

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