Gradmesser des Rechts

Ohne Religionsfreiheit kein Rechtsstaat – Das zeigt der aktuelle Bericht von Kirche in Not. Von Michaela Koller
Christen in Indien
Foto: dpa | Christen in Indien – auch die Religionsfreiheit in ihrem Land wird untersucht. Sie haben vor allem unter einem aufkeimenden Hindu-Nationalismus zu leiden.

Der Bericht ist 914 Seiten stark, und erscheint bereits im 14. Jahrgang: Das päpstliche Hilfswerk Kirche in Not informiert auch in diesem Jahr über Religionsfreiheit in der Welt. Ein internationales Team unabhängiger Experten untersuchte dazu die Situation zwischen Juni 2016 und Juni dieses Jahres in 196 Staaten. In 23 Ländern, in denen das Hilfswerk Nationalbüros unterhält, wird die Studie umrahmt von öffentlichen Aktionen präsentiert: In Deutschland lud es zum Auftakt in die internationale Zentrale in Königstein (Taunus) zu einem Begegnungsabend mit einer Gesprächsrunde über den Einsatz von Christen für Religionsfreiheit. Höhepunkt war, erstmalig in Deutschland, die Aktion Roter Mittwoch, mit Partnern durchgeführt, bei der die Kirchenruine von Sankt Christoph in Mainz rot angestrahlt wurde, als Zeichen der Solidarität mit verfolgten Christen.

Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren

Der Vorsitzende des Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland (ZOCD), Simon Jacob, trat bei einer der beiden Veranstaltungen auf. Er ist bekannt durch seine Aktion Peacemaker, die ihn etwa in Syrien, Irak und Iran an Orte führte, die sonst für Menschen aus dem Westen unerreichbar sind. Er erinnerte daran, dass trotz militärischer Niederlage der Terrororganisation „Islamischer Staat“ die von den Kämpfern vertretene Ideologie nicht beseitigt sei: „Im Irak ist man als Christ nach wie vor einem Extremismus ausgesetzt, der den Christen zum Ungläubigen erklärt, und auch alle Muslime, die nicht der Doktrin der Islamisten folgen. In diesem Zusammenhang sollte erwähnt werden, dass es nicht der IS war, der in Mossul christliche Häuser plünderte, Christen beraubte und entführte, sondern vielfach die eigenen Nachbarn.“ Im Iran könne man als Muslim nicht einfach zum Christentum konvertieren. Dies werde als politischer Akt betrachtet, welcher geahndet werden könne.

Sein Gesprächspartner war Dominikanerpater James Channan, der in Lahore (Punjab) das „Peace Center“ leitet. Der pakistanische Ordensmann war eigentlich gekommen, um Chancen des Dialogs zwischen Christen und Muslimen unter schwierigsten Bedingungen aufzuzeigen, einer Aufgabe, der er sich seit drei Jahrzehnten widmet, etwa im ständigen Austausch mit Maulana Abdul Khabir Azad, Großimam der „kaiserlichen“ Badshahi-Moschee in Lahore. Der Freispruch der pakistanischen Christin Asia Bibis (siehe auch unten) war zu frisch, als dass die Frage nach den Blasphemie-Gesetzen nicht nahelag: Auf Nachfrage bestätigte Channan, dass muslimische Geistliche mehrfach bereits einen Mob zum Lynchen von der Blasphemie Verdächtigen angestachelt haben.

Pakistan ist nur eines der Länder, in denen der Analyse von „Kirche in Not“ zufolge die Situation der Religionsfreiheit insgesamt kritischer geworden ist, worunter die kleine Minderheit der Christen besonders leidet. Jedoch: „Wo Christen unterdrückt und verfolgt werden, werden fast immer auch andere Religionsgemeinschaften unterdrückt und verfolgt“, sagte Berthold Pelster, Menschenrechtsexperte der Organisation in Deutschland. Maria Lozano vom Redaktionsteam des Berichts nannte dazu Zahlen: „61 Prozent der Weltbevölkerung lebt in Ländern, in denen die Religionsfreiheit nicht respektiert wird.“ Bei der Erstellung der Studie seien 38 Länder aufgefallen, in denen die Verletzungen dieses Freiheitsrechts schwerwiegend sei, in 18 Ländern sogar noch gravierender im Vergleich zur Situation bei der Veröffentlichung des vorigen Berichts 2016. In 17 Staaten darunter kam es regelrecht zu Verfolgung religiöser Minderheiten.

„In China findet eine neue Sinisierungsbewegung statt und in Indien finden wir eine ultranationalistische Bewegung bis hinein in politische Parteien vor“, fuhr Lozano fort. Die Anhänger des erstarkenden Hindunationalismus glaubten, dass es nur eine Religion in Indien geben sollte. Militärische Niederlagen der Terrororganisation „Islamischer Staat“ hätten jedoch dazu geführt, dass sich in einigen Ländern, speziell in Syrien und Irak, die Lage der unterschiedlichen Religionsgemeinschaften verbessert habe. In einem Überblick, den „Kirche in Not“ gedruckt herausgibt, sind auch Kenia und Tansania, die mit Aktivitäten militanter islamistischer Gruppierungen konfrontiert sind, eine Kategorie aufgestiegen: Von Verfolgung könne nun nicht mehr die Rede sein, da etwa in Kenia die Anschläge der Gruppe Al Shabaab aufgrund von resolutem Vorgehen der staatlichen Sicherheitskräfte stark zurückgegangen seien. „Große Sorge bereitet uns aber der „Mittlere Gürtel“ Afrikas wegen der Ausbreitung des Wahabismus, wozu Mali, Niger, Burkina Faso und Somalia zählen“, sagte Lozano. In Nigeria und in Zentralafrika tauchten soziale und politische Konflikte mit religiösen Komponenten auf, wie bei der Auseinandersetzung um Land mit den nomadischen Fulani-Viehhirten. Russland kommt erstmals im Bericht vor, weil dort mittels des Anti-Terror-Gesetzes der Staat in autoritärer Weise religiöse Minderheiten diskriminiere. Ebenfalls neu ist das Phänomen des „Nachbarschafts-Fundamentalismus“ in Europa in die Studie aufgenommen worden. Terrorattentate stellten einen Angriff auf die Religionsfreiheit dar, weil das Ziel letztlich die Herrschaft einer einzigen Religion sei. Antiislamische Ressentiments seien die Folge. Antisemitismus sei zudem aufgrund der internationalen Lage importiert worden.

Im „Gotteslob“ kein Gebet verfolgte Christen mehr

Pelster erläutert, wie seine Organisation hilft: Durch die Unterstützung von Terroropfern oder Angehörigen sowie Flüchtlingen ohne Ansehen der Religion. Ein erster Schritt zur Hilfe Verfolgter sei Information, auch in den Pfarrgemeinden, aber nicht zuletzt auch das Gebet. Er bedauert, dass im aktuellen „Gotteslob“ kein Gebet mehr für verfolgte Christen enthalten sei.

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