Glosse: Weselsky und der Martinszug

Von Markus Reder

Der heilige Martin beschert den lieben Kleinen nicht nur einen jährlich Höhepunkt im Kindergartenjahr, er dient auch den Großen als leuchtendes Vorbild. Und das ganz jenseits von Martinszügen, die in säkularisierten Gegenden besser als Laternenumzüge bekannt sind. Damit fehlt solchen Laternenumzügen zwar das Wesentliche, aber das merkt man nicht so schnell, wenn man nur fest genug daran glaubt, dass Teilen eine Erfindung des real existierenden Sozialismus ist.

Dabei beschränkt sich die Vorbildfunktion des heiligen Martin keineswegs nur auf Teilen und Gesten der Solidarität. Es geht um wesentlich mehr, um Nächstenliebe. Aber bevor wir ins Theologische driften, zurück zu den irdischen Problemen, bei denen Sankt Martin hilfreich sein kann. Der Deutschen Bahn etwa könnte er als Vorbild dienen. Claus Weselsky, den Chef der Lokführergewerkschaft, könnte er zum Nachdenken, wenn nicht sogar zum Einlenken bringen, sofern man Züge überhaupt lenken kann. Unter streikgeschädigten Bahnkunden heißt es jedenfalls längst: „Der einzige Zug auf den derzeit noch Verlass ist, ist der Martinszug.“ Das kann die Lokführergewerkschaft doch nicht kalt lassen. Überraschen können solche Äußerungen freilich nicht. Schließlich ist der Martinszugführer weder gewerkschaftlich organisiert, noch spielen für ihn Manteltarifverträge eine Rolle. Sankt Martin ging es einzig und allein darum, einem Menschen in Not zu helfen. Und wer zuletzt frierend an einem Bahnsteig stand und auf den Zug wartete, weiß ziemlich genau, was ein Mantel wert ist. Bevor Herr Weselsky vom hohen Ross einer kleinen Gewerkschaft herunter erneut ein Land lahmlegt, sollte er sich besser an die Martinszüge denken. Auf die ist Verlass.

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