Glosse: Was am Grab Gaddafis sagen?

Über die Toten soll man nichts Schlechtes sagen an ihrem Grab – das haben zumindest so oder so ähnlich die alten Römer in ein entsprechendes Sprichwort gemünzt. Wie soll man das Ganze dann aber im Fall von Muammar al-Gaddafi handhaben? Darf man auch einem Diktator nichts Schlechtes hinterherrufen, wenn er das Zeitliche mehr oder minder freiwillig gesegnet hat?

Um diese Frage zu klären, bedürfte es sicherlich eines gut ausgebildeten Dialektikers von der Marxististisch-Leninistischen Hochschule in Eriwan. „Im Prinzip ja, aber ...“. Leider aber existiert diese Hochschule nicht mehr und auch das Mittelalter ist perdú, in dem solche Kalamitäten in höchster Präzision auf die sprichwörtliche scholastische Spitze der Nadel getrieben und gelöst worden wären.

Aber es gibt ja noch das Hessische Landessozialgericht in Darmstadt. Und dieses Gericht hat in seiner unendlichen Weisheit beschlossen, dass man die Bestattungskosten auch für seinen unliebsamsten Verwandten noch bezahlen muss, hat dieser selber kein Geld hinterlassen – und der Staat da nur im äußersten Notfall einspringen kann.

Was auf den Fall von al-Gaddafi angewandt, wohl Folgendes bedeuten könnte: Sehr wohl darf man am Grab des Despoten ihm nichts Schlechtes hinterhersagen, das verstieße gegen das römische Erbe der Welt. Gleichwohl aber wird es den Verwandten des vergangenen lbyschen Herrschers nach dem Darmstädter Beschluss zugestanden sein, sich lauthals darüber zu echauffieren, weil sie ihrem Vetter aus Tripolis auch noch einen letzten pekuniären Dienst zu erweisen hatten, wenn er zu Staub wird. Soviel Spitzfindigkeit muss sein. Oder ging es in der Causa Gaddafi nicht immer doch nur um das Eine, das Geld? Johannes Seibel

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