Glosse: Verwirrung der Gefühle

Dass das zwischen den Ohren verwahrte Nervengewebe mitunter dysfunktional arbeitet, wenn überschäumende Gefühle den Homo sapiens erfassen, ist in freier Wildbahn zu beobachten. Dazu brauchen wir keine Motivforschung. Auch die Motive der gelernten Motivforscherin Sophie Karmasin, die sich vom Liebesleid eines gefallenen polnischen Vatikan-Prälaten zu einer Ode an die Liebe inspirieren ließ, müssten wir nicht erforschen. Wäre besagte Dame wie der sprichwörtliche Schuster bei ihren Leisten geblieben. Da sie sich aber von den schwindelnden Höhen der Motivforschung in die irdischen Niederungen der österreichischen Politik herabließ und – auf dem Ticket der einst christlichen Familienpartei ÖVP – das Staatsamt der Familienministerin übernahm, bleibt uns nichts erspart.

„Liebe ist die stärkste und schönste Kraft, die es im Leben gibt“, lässt uns Frau Karmasin wissen. Auch der Folgesatz bereichert unser Leben: „Jeder der liebt und geliebt wird weiß, wie viel Kraft Liebe geben kann.“ Angesichts der demographischen Krise sind solche Botschaften der Familienministerin dringlich. Jedoch, sie biegt schräg ab: „Krzysztof Olaf Charamsa hat dieser Tage bewiesen, dass Liebe auch manche Mauern durchbrechen kann, die das Leben, die katholische Kirche und der Alltag uns stellt.“ Ohne zu ahnen, welche Mauern „das Leben, die katholische Kirche und der Alltag“ Frau Karmasin gestellt haben, sei ihr die Rückkehr in den Olymp der Motivforschung anempfohlen. Stattdessen geht sie mit dem Kopf durch die Wand: Bald will die Familienministerin „selbst an den Heiligen Stuhl reisen“, um sich „ein persönliches Bild von den Ergebnissen der Familiensynode“ zu machen. Na, hoffentlich nicht auf Kosten der Steuerzahler, die eine solche Verletzung der Trennung von Kirche und Staat weder mit ihrem Gewissen noch mit Österreichs Verfassung vereinbaren könnten. Stephan Baier

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