GLOSSE: Ruhmreicher ist der Demokrator

Es trug sich zu in dem großen und ruhmreichen Lande hinter den sieben Bergen, jenseits der sieben Zwerge, wo die Großen des Landes nächtens von ihren Heldentaten erzählen, von den Zeiten, als sie noch Riesen waren und mit Riesen rangen, derweil sie hochprozentiges Zahnputzmittel aus großen Wassergläsern trinken. In jenem großen, ruhmreichen Lande können die Großen nicht anders als ruhmreich sein. So auch der Held unserer Erzählung: Jurij Kleptomanow. Seit vielen ruhmreichen Jahren schon leben er und seine Frau dem einfachen Volke vorbildlich vor, wie man Kommunismus und Kapitalismus in wunderbarer Synthese vereint, wobei Herr Kleptomanow den staatlichen Teil der Wirtschaft repräsentiert und Frau Kleptomanow den privaten. Beide so erfolg- und ruhmreich freilich, dass der Neid nicht ausbleiben konnte. Und so erhebt sich nun ein Geschrei und Geschnatter in den Medien des Landes, dass es den Großen in den Ohren hallt.

Es schade unserer Demokratie, Herrn und Frau Kleptomanow zu bezichtigen, ereifern sich seine Anhänger, derweil sie große Gläser hochprozentigen Zahnputzmittels leeren und, wie in Jugendjahren, zu allem bereit sind. Herr Kleptomanow jedoch weiß als gelernter Führer des Volkes, dass die kleinen Schreiberlinge nie wagen würden, einen der Ruhmreichsten zu attackieren, wenn da nicht ein anderer Ruhmreicher im Hintergrunde die Fäden zöge. Und so erkennt er mit der ihm eigenen Weisheit: Dahinter kann nur der sinistre Dmitri Kriminalowjew stehen, der es wohl günstiger fände, einen seiner Günstlinge an Kleptomanows ertrag- und ruhmreiche Stelle zu setzen. Nur einer kann den Machtkampf der Potentaten nun entscheiden: der große Demokrator, Kagebe Poten. Hoffend und bangend richten sich aller Augen wieder einmal auf ihn. Stephan Baier

Themen & Autoren

Kirche