Glosse: Lob zur rechten Zeit

Von Stefan Rehder

Politik ist ein kompliziertes Geschäft. Andauernd muss, wer nicht nur kandidieren, sondern auch einmal gewählt werden will, den Bürgerinnen und Bürgern nach dem Mund reden. Was – ein flexibles Rückgrat vorausgesetzt – keine allzu schwere Übung ist. Das Problem ist nur: Bürger und Bürgerinnen gibt es in Deutschland zurzeit noch viele. Nicht einmal Alkohol- und Kaffeeikern wäre es möglich, jeden Stammtisch und jedes Kaffeekränzchen in einem Wahlkreis zu besuchen, um herauszufinden, was potenzielle Wähler und Wählerinnen so denken. CSU-Chef Seehofer hat aus dieser Not eine Tugend gemacht. Mag der eine oder die andere ruhig denken, der Seehofer mache sich zum Horst, wenn er politische Positionen wechsle wie andere die Unterwäsche. In Wirklichkeit steht Seehofer auf einer Stufe mit Issac Newton und William Thomson, vielen besser als Lord Kelvin bekannt. „Ein Seehofer“ also meint nicht etwa eine wies‘nwirtfreundlich geeichte Maß, sondern drückt die Zeit aus, die jemand benötigt, um das Gegenteil dessen verlauten zu lassen, was er bis dato als seine tiefste Überzeugung kund und zu wissen tat. Ob Bundeskanzlerin Angela Merkel und die grüne Spitzenpolitikerin Karin Göring-Eckardt also seehofern, wenn sie kurz vor dem 22. September öffentlich große Sympathien für Papst Franziskus bekunden, kann nur der wissen, der in das Herz und die Seele der beiden Protestantinnen zu schauen vermag. Dass sie aber vielen der 24,7 Millionen Katholiken damit vor dem Urnengang schöne Augen machen, kann niemand bestreiten.

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