Glosse: Kultur auf den Schienen

Die Größe einer Nation, wenn man diese Wörter noch gebrauchen darf, misst sich immer auch an der Pflege des kulturellen Erbes. Viele Wege stehen dafür offen. Klassiker lesen ist ein Weg. Die kleinen gelben Heftlein des Reclam-Verlags, die berühmten Bände der sogenannten Universal-Bibliothek, machen dies seit 150 Jahren leicht möglich. Seit dem 10. November 1867 gibt es sie – mit nachhaltigem Erfolg. Wenn man heutzutage mit der Bahn oder dem Bus in Deutschland unterwegs ist – überall sieht man Leute, die gerade Goethes „Faust“ oder Lessings „Emilia Galotti“ in der bewährten Billigausgabe lesen, um ihren Geschmack zu veredeln. So sind die Deutschen eben: Dichter- und Denker-verliebt trotz iPhone und anderer digitaler Belästigung. Fake-Bildung, ohne uns! Deshalb überrascht es auch nicht, dass die Bahn in diesen Tagen eine Liste mit Namenspatronen neuer ICE-Züge veröffentlicht hat, die sich wie ein Wer ist Wer der deutschen Bildung liest: Ludwig van Beethoven ist dabei, Karl Marx aus Trier, Heinrich Heine, Alexander von Humboldt. Schön, dass mit Konrad Adenauer, Elisabeth von Thüringen, Adolph Kolping, Dietrich Bonhoeffer, den Geschwistern Scholl und Konrad Adenauer auch christliche Persönlichkeiten auf diese Weise Teil der mobilen Erinnerungskultur werden und auch das jüdische Schicksal und Erbe (Anne Frank, Hannah Arendt, Albert Einstein) gewürdigt wird. Jetzt käme es nur noch darauf an, dass die Züge pünktlich und sauber sind. Auch das war ja mal ein Zeichen der deutschen Hochkultur. Stefan Meetschen

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