Glosse: Keine Spur von Glaubenskrise

Von Stephan Baier

Wir leben in Zeiten der Glaubenskrise. Der Kapitalismus als Glaube daran, dass „die Märkte“ alles regeln und der Fluss des Geldes den Weg des Heils weist, ist schwer erschüttert. Er hat auch einen scheinbar konkurrierenden Glauben mit in die Krise gezogen: den Etatismus, den Glauben an den weisen, alles gnädig regelnden Staat. In beiden Fällen mag das „Bodenpersonal“ für die sich ausbreitenden Glaubenszweifel mitverantwortlich sein, aber seien wir doch ehrlich: Muss nicht jeder Aberglaube, wie Karl Marx so schön sagte, „durch den Feuerbach“? Doch wie die Macht, so lässt auch der Glaube keine Hohlräume. Wo der eine verdunstet, greift ein anderer Platz!

Da gibt es militante Atheisten und Kirchenhasser, die ihre Religionskriege führen wollen, nämlich gegen den Offenbarungsglauben. Da sind die letzten irrationalen Rationalisten, doch wieviel Glaubenswissen hat jemand, der zu wissen glaubt? Faszinierend ist die bunte Vielfalt von Esoterikmüll, der rückstandsfrei mit verdünntem Buddhismus kompostierbar ist. Als Gegensatz zur klassischen Mülltrennung boomt gerade die Patchworkreligion, in der sich jeder nach Lebenslage und Stimmung seinen privaten Glauben beliebig zusammensetzen und situativ je neu mixen kann. Religiöses „Running Sushi“, leider ohne Sushi. Klingt unglaublich intellektuell, weil alle schwer aussprechbaren Begriffe des Hinduismus frei verwendet werden dürfen, ist geistig aber auch nicht anspruchsvoller als Wotan. Wieder andere glauben, die Wahrheit bei Wikipedia zu finden und den Lebenssinn googlen zu können. Alles in allem: Glaubenscocktails für jeden Geschmack, jeden Geldbeutel, jede Mode. Unser Angebot ist billiger und besser, rationaler und emotionaler, aktueller und zeitloser: Wir Aufgeklärten glauben an das Christkind.

Themen & Autoren

Kirche