Glosse: Kein Blatt vor dem Mund

Von Stefan Meetschen

Wie lang ist es bei Ihnen her, dass Sie so richtig aus der Haut gefahren sind? Sie wissen schon: Die Sekretärin anschreien, den Geschäfts- oder Koalitionspartner beleidigen, den Schreibtisch mit der bloßen Faust zertrümmern. Ohne Rücksicht auf Verluste. Gesellschaftlich ein mittlerweile durchaus akzeptiertes Verhalten. Oder? Altkanzler Gerhard Schröders regelmäßige Wutausbrüche bei Kabinettstreffen gingen durch die Klatschspalten, waren aber kein Rücktrittsgrund. Uli Hoeneß, lange Zeit FC Bayern-Manager und Wurstfabrikant, hat verbal so ziemlich jeden geschlachtet, der ihm vor die Augen gekommen ist: Sportreporter, Schiedsrichter, Trainer, Spieler, Fans. Heute ist Hoeneß Präsident, ohne Robben vielleicht der erfolgreichste Europas. Beförderung trotz Wutausbrüchen – Wut als Geheimnis des Erfolges? Immerhin: Auch vom seligen Johannes Paul II. ist glaubhaft überliefert, dass er mindestens einmal gegenüber Staatssekretär Agostino Kardinal Casaroli so richtig aus der Haut gefahren ist. Wobei der päpstliche Architekt der göttlichen Barmherzigkeit die Größe besaß, sich am folgenden Tag bei Casaroli persönlich zu entschuldigen.

Ein Zeichen von Souveränität, das nicht jedem Teilzeit- oder Vollzeit-Choleriker zur Verfügung steht: Manche lassen es nach dem Ausbruch gut sein, weil es ihnen selbst wieder besser geht. Dass sich das persönliche Umfeld noch in Schockstarre befindet, kein Thema.

Die Kirche hat Ira, den Zorn, stets abgelehnt. Er gilt als Wurzelsünde. Wer dazu neigt, kontrolliert ihn besser. Oder schiebt ihn auf. Wie lange? Schließlich ist Dampfablassen doch besser für die Gesundheit. Das mag sein. Prinzipiell empfiehlt es sich, mit Wutreden zu warten, bis man zum Papst, Bundeskanzler oder Präsident gewählt wurde. Das zur groben Orientierung.

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