Glosse: Jugend, Sprache und Politik

Von Stefan Rehder

„Junge Menschen“, lautet ein gängiges Vorurteil, „interessieren sich nicht für Politik“. Aber stimmt das? Die Sprachwissenschaft zeichnet jedenfalls ein anderes Bild. Denn unter den zahlreichen Wortneuschöpfungen – eine Domäne junger Menschen – finden sich auffällig viele Politiker-Eponyme. Als Eponyme werden Verben oder Substantive bezeichnet, die sich von Eigennamen herleiten. Jedem geläufige Eponyme sind Verben wie „Röntgen“ oder Substantive wie der „Bosalino“. Anders als der kaum noch getragene „Stresemann“ – das einzige klassische Politiker-Eponym – sind Politiker-Eponyme heute durchaus en vogue. Wenn junge Menschen für Referate und Hausarbeiten Texte ohne Quellennachweis aus dem Internet kopieren, dann schreiben sie keineswegs einfach ab; nein, dann „guttenbergt“ er oder sie. Und wer sich von ihnen nicht zu einer klaren Antwort durchringen kann, der redet nicht wie einst „um den heißen Brei herum“, sondern „merkelt“ eben. Vom „Stoibern“, dem kunstvollen Stottern oder dem rüpelhaften „Schrödern“ ganz zu schweigen. Auch kann man heute „riestern“ oder „harzen“, ohne dass jemand einen Gedanken darauf verschwenden müssten, was damit gemeint sei. Nur beim „Wulffen“, dem jüngsten Politiker-Eponym, haben sich die jungen Menschen noch nicht festgelegt. Während die einen das Eponym nutzen, um einen unvollständigen Umgang mit der Wahrheit anzuzeigen, verwenden andere es als Tätigkeitswort für das Besprechen von Mailboxen. Ein gewisses Kampfgewicht muss übrigens auf die Waage bringen, wer derart sprachbildend wirken will. So wundert es nicht, dass bislang niemand „röslert“ oder „pofallert“. Und wenn auch Ehebruch als „Seitensprung“ verharmlost wird, „seehofern“ tut deswegen noch niemand.

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