Glosse: Jedes Nachspiel hat ein Vorspiel

Von Andreas Wodok

Überall in der arabischen Welt protestieren die Menschen gegen ihre despotischen Regime und warten – bislang vergeblich – auf klare Worte der Unterstützung aus dem Westen. Doch Amerikas und Europas Politiker haben anderes zu tun. Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel zum Beispiel empörte sich in der Bild-Zeitung gerade darüber, dass ihn die Sicherheitsbeamten am Flughafen Bagdad aufgehalten und seinen Abflug um zwei Stunden verzögert haben. Den Einsatz eines Nacktscanners konnte der Minister, der kraft seines Amtes auch für die wirtschaftliche Zusammenarbeit zuständig ist, nur mit der mehrfachen Drohung verhindern, deutsche Unternehmen würden sonst sämtliche Waffenlieferungen in den Nahen Osten sofort einstellen.

Die Umgangsformen der irakischen Sicherheitskräfte bezeichnete Niebel als „unterirdisch“, ein Verhalten, das er – wenn überhaupt – allenfalls beim Bahnpersonal von Stuttgart 21 akzeptieren könne. Über die Bild-Zeitung ließ Niebel der irakischen Regierung deshalb ausrichten, der Vorfall werde „ein Nachspiel“ haben. Wie bei Verspätungen der Bahn will der Minister, früher Fallschirmspringer, seine Fluggastrechte geltend machen und 50 Prozent der Flugkosten zurückfordern. Und weil Mängel im Transportwesen zweifellos auf die Qualität der Politik eines Landes schließen lassen, gab Niebel dem Irak noch etwas Nachhilfe in Demokratie: „Der Übergang von einem staatlich gelenkten System zu einem freiheitlichen wird wohl noch ein längeres Stückchen brauchen“, sagte er und kritisierte, dass es „im Irak an Menschen fehlt, die Entscheidungen treffen“. Das hat Staatsoberhaupt Dschalal Talabina in seiner Ehre gekränkt. Er entschied, Niebel sofort seine Fallschirmspringerlizenz zu entziehen. Der Minister hat ein Nachspiel angekündigt.

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