GLOSSE: Geschlossene Geschlossenheit

Stellen wir uns aus gegebenem Anlass einmal vor, es regnete Bindfäden. Für die meisten wäre das in diesen Tagen eine willkommene Abwechslung. Linguisten dagegen denken bei „Es regnet Bindfäden“ weniger an eine Abkühlung, sondern vielmehr an eine Kookkurrenz. Darunter verstehen Sprachwissenschaftler „das gemeinsame Auftreten zweier lexikalischer Einheiten in einer übergeordneten Einheit“, also zum Beispiel zwei Worte in einem Satz – und zwar unter der Annahme, dass sich diese Worte nicht rein zufällig in diesem Satz treffen, sondern weil sie gar nicht anders können. „Es regnet“ und „Bindfäden“ gehören zusammen wie „Wenn“ und „Dann“ – womit wir bei der Geschlossenheit wären. Die wird in diesen Tagen vor allem von der Politik bemüht, und was das Ko von Okkurrenz (= Vorkommen) angeht, variieren Merkel, Westerwelle & Co. das Thema nur graduell: Mal wollen sie geschlossen auftreten, mal Geschlossenheit zeigen. Das häufigste Ko von Geschlossenheit ist übrigens das Adjektiv „mannschaftliche“ – es bildet, so eine Statistik der Linguisten von der Uni Leipzig, mehr als doppelt so häufig eine Koalition mit „Geschlossenheit“ wie das Wort „Partei“. Richtig interessant wird das Ganze aber erst, wenn wir uns die Mehrwortkookkurrenzen anschauen, also jene Sätze, in denen „Geschlossenheit“ nicht nur mit einem einzigen Ko daherkommt, sondern gleich mit mehreren. In dieser Statistik führt nämlich „Kurt Beck“ mit 144 Treffern vor „Franz Müntefering“ mit 70 und „nach außen“ mit 66. Auch „Angela Merkel“ hat sich in Sätze verlaufen, in denen „Geschlossenheit“ vorkommt, allerdings rangiert sie mit 43 Treffern nur auf Platz fünf hinter „Volker Kauder“ (60) und knapp vor „CSU-Chef Edmund Stoiber“ (40). Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, das auf Stoiber „Norbert Röttgen“ und „Dieter Althaus“ (je 37) folgen und dass in Sachen „Geschlossenheit“ ausgerechnet die „große Koalition“ (35) das Schlusslicht bildet.

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