Glosse: Eine Intersolutio für Weihnachten

Steht sie noch? Oder wurde sie schon abgebaut, in Einzelteile zerlegt und in den Keller verbracht? Und die Bäume, was ist mit den Bäumen? Noch da? Noch grün? Noch beleuchtet? Noch da und grün, aber nicht mehr beleuchtet? Oder umgekehrt? Wer Mitte Januar eine katholische Kirche Berlins betritt, kann so ziemlich alle Antworten auf die gestellten Fragen erleben. Mal steht der Baum noch in vollem Ornat, mal noch die Krippe in ganzer Pracht. Gut, in einigen Szenerien liegen ehemals knieende Hirten jetzt auf dem Gras und knobeln. Und das Jesuskind bekommt den Geigenunterricht, aber sonst ist alles so, wie man es aus der Heiligen Nacht in Erinnerung hat. Manchmal steht auch noch beides, manchmal aber auch gar nichts mehr vom weihnachtlichen Schmuck. Die Krippe hat längst wieder einem Spendenbarometer „Für die Orgelrenovierung – benötigt werden 100 000 Euro, bisher gespendet: 13,95 Euro“ Platz gemacht. Oder einer Fotokollage „Kommunion 2017“. Es wäre allerdings ziemlich voreilig, aus dem Zeitpunkt von Krippenabbau und Baumentsorgung Rückschlüsse auf die theologische Disposition des Pfarradministrators zu ziehen. Oft scheitert ein fristgerechtes Ende des Weihnachtsambientes allein an der Verfügbarkeit von Pfarrgemeinderatsmitgliedern ohne Rückenprobleme. Oder Ministranten. Irgendjemand muss das Ding ja nach draußen tragen. Sinnvoll wäre es trotzdem, die dreiwöchige Phase des „Ende der Weihnachtszeit“ kirchenrechtlich zu regeln. Vielleicht könnte man eine Intersolutio (zu deutsch: Zwischenlösung) einführen, nach der es den Pfarreien obliegt, das Ende der Weihnachtszeit festzulegen. Irgendwann zwischen Taufe und Darstellung des Herrn. Muss doch jeder selber wissen, wann Weihnachten vorbei ist. Josef Bordat

Themen & Autoren

Kirche