Glosse: Eine Frage der Ehre

Von Stefan Meetschen

An sich läuft das Jahr 2012 für Christian und Bettina Wulff ziemlich rund: Nach dem Auszug aus dem Schloss Bellevue haben beide mehr Zeit füreinander, die Zahl der stressigen Reisen und Termine ist drastisch reduziert worden. Finanziell läuft es auch nicht schlecht. Der Ex-Bundespräsident, der zu Beginn seiner Amtszeit in Fragen der Besoldung noch ein „Zeichen“ setzen wollte, kann sich nun über eine deutliche Erhöhung seines Ehrensoldes freuen: Von 199 000 auf 217 000 Euro steigen die jährlichen Bezüge. Dafür kann man ab und zu auch mal eine schicke Handtasche kaufen, neue Socken oder, wie man auf aktuellen Aufnahmen sieht, eine neue Brille. Prima! Was mit dem Ehrensold allerdings nicht automatisch überwiesen wird, ist die Ehre. Leider. Gerade weil immer noch Ermittlungen gegen Wulff laufen, wäre das ziemlich praktisch. In jeder Hinsicht. Verdacht der Vorteilsnahme? Nord-Süd-Dialog? Gerüchte ums Vorleben der Gattin? Kein Problem – regelt alles der Ehrensold.

Weil es so also nicht funktioniert, hat Bettina Wulff in ihrer freien Zeit echte Strapazen auf sich genommen. Die 38-jährige hat nämlich ein Buch geschrieben. Genauer gesagt: Ihre Autobiografie. Aber hoppla! Noch nicht vierzig und schon Autobiografie-verdächtig? Ja, ja. Immerhin soll dieses Werk, das im November erscheint, der attraktiven Blondine so etwas wie die Deutungshoheit über ihr Leben zurückbringen. Sind all die kursierenden Gerüchte über ihr Vorleben tatsächlich falsch, ein ziemlich verständliches Anliegen. Peinlich dürfte das Buchprojekt aber geraten, wenn damit ein Persil-Schein in Sachen Privatkreditaffäre angestrebt wird. Hier liegt die Wahrheit bei den Gerichten. Manchmal ist es ehrenhafter zu schweigen und sich für eine gewisse Zeit aus dem Blitzlicht zurückzuziehen.

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