Glosse: Ein Lob auf den Quastenflosser

Von Stefan Rehder

Der Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Volker Kauder, hat eine erstaunliche Beobachtung gemacht. Auf einmal werde in Europa Deutsch gesprochen. Träfe dies zu, wäre das in Berliner Stadtteilen wie Neukölln oder Kreuzberg sicherlich ein Grund zur Freude, in London oder Paris dürfte es im besten Fall für Irritationen und im schlimmsten für unerfreuliche Assoziationen sorgen. Dass Kauder mit seiner Feststellung auf dem CDU-Parteitag weder die deutsche Geschichte in Erinnerung bringen noch ein Loblied auf die deutsche Sprache anstimmen, sondern lediglich zum Ausdruck bringen wollte, dass sich Angela Merkels Politik in Europa durchsetze, verbessert die Sache nur unwesentlich.

Denn träfe Kauders Beobachtung zu, würde in Europa inzwischen überhaupt nicht mehr regiert. Vermutlich gibt es auf dem Kontinent derzeit keinen anderen Regierungschef, dessen mentale Mutationsrate so hoch ist, wie die der deutschen Kanzlerin. Verglichen mit der Wandlungsfähigkeit von Kauders Parteichefin wirken die übrigen europäischen Regierungschefs wie Quastenflosser, die Biologen gerne auch als „lebende Fossilien“ bezeichnen. Dabei mag die Fähigkeit, sich der jeweiligen Umgebung frühzeitig erfolgreich anzupassen, für das Überleben eines Tiers oder einer Pflanze in freier Wildbahn ja von unschätzbarem Wert sein; Menschen jedoch macht eine solche, ins Extreme gesteigerte Eigenschaft letztlich unfähig, ein Gemeinwesen zu gestalten. Denn um Dinge ordnen zu können, und nichts anderes meint letztlich Regieren in einer Demokratie, braucht es ein Minimum an unverrückbaren Grundsätzen und Prinzipien. Wir wären gut bedient, wenn in „Klein-Istanbul“ wieder mehr Deutsch gesprochen würde. Im Rest Europas ist das weder nötig noch wünschenswert.

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