Glosse: Die Stunde der Wahrheit

Von Markus Reder

In diesen Tagen hört man aus Politikermund derart viel von „der Stunde der Wahrheit“, dass man annehmen muss, bislang kann es mit der Wahrheit in der Politik nicht so weit her gewesen sein, wenn deren Stunde erst jetzt schlägt. Warum in Europa ausgerechnet die Griechen für die „Stunde der Wahrheit“ zuständig sein sollen, erschließt sich angesichts der griechischen Kreativität im Umgang mit Zahlen, Daten und Abgründen auch nicht wirklich. Sei's drum. Jetzt schlägt sie also die „Stunde der Wahrheit“ und man darf gespannt sein, wie sich das anhört und wen sie schlägt. Bis es soweit ist, wächst die Nervosität. Damit verändert sich bekanntermaßen das subjektive Zeitempfinden. Weshalb es am Ende durchaus sein kann, dass sich die „Stunde der Wahrheit“ deutlich länger anfühlt als 60 Minuten. In kluger Voraussicht titelte die Athener Zeitung „Eleftheros Typos“ schon mal im Plural und schrieb „Dramatische Stunden in Brüssel“. Gemeint war der Sondergipfel der Eurostaaten zur Grexit-Vermeidung, den wiederum die griechische Zeitung „Efimerída ton Syntaktón“ als „Die Mutter aller Gipfel“ bezeichnete. Dieser Sondergipfel sei einer der wichtigsten in der Geschichte der Europäischen Union, hieß es. Offensichtlich schlägt „die Stunden der Wahrheit“ also bei der „Mutter aller Gipfel“. Womit die Frage im Raum steht, wer denn die Väter der drohenden Pleite sind. Vom griechischen Olymp aus auf Europa zu schimpfen, wäre dann wohl der „Gipfel der Frechheit“. Doch auch auf diesem Gipfel schlägt jetzt die „Stunde der Wahrheit“.

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