Glosse: Die Krise ist eine Dame, Messieurs

Von Stephan Baier

Die Finanzkrise ist weiblich. Weil die Krise weiblich ist. Die Ratingagentur auch. Aber auch die Lösung und die Hoffnung sind weiblich, und nicht allein deshalb spielt Angela Merkel derzeit eine tragende Rolle. Der Finanzmarkt ist männlich, aber das verschleiern die notorisch im Plural auftretenden Finanzmärkte, jedenfalls für den oberflächlichen Betrachter. Dass Europa ein schönes, junges Mädchen ist, war bereits in antiker Zeit bekannt, aber dass auch die Europäische Union weiblich ist, sollte in Erinnerung gerufen werden. Ihre Mitgliedstaaten, die natürlich zunächst alle männlich sind, könnten sich ihr gegenüber ruhig ein wenig mehr wie Gentlemen benehmen.

Wozu hier über das Offensichtliche palavern, werden Sie jetzt vielleicht fragen. Und damit wären wir bei der Gender-Ideologie, die ja gerade das Offensichtliche nicht sehen will und sich damit bisher ausreichend blamiert hat. Wenn uns diese Bemerkung gestattet ist, denn auch die Ideologie ist – wie ihre ältere Schwester, die Wissenschaft – selbstverständlich eine Dame. Nun könnten sich die Gender-Forscher(innen), anstatt an Menschen und Menschinnen zu dilettieren, endlich einem lohnenden Subjekt zuwenden. Warum Deutschland ein Neutrum ist, wissen wir: weil Land oder Reich immer so sind. Doch wie wirkt es sich aus, dass die Italiener ihr Land als schöne Frau sehen (bella Italia!) und die Franzosen das ihre als Dame (la France)? Was geht in der italienischen Nation vor, wenn „bella Italia“ jahrelang von Berlusconi missbraucht und dann von Monti gerettet wird? Wie mag es „la France“ – der Witwe von De Gaulle – gehen, wenn Nicolas Sarkozy ständig mit Angela Merkel turtelt? Diese Fragen mit Weisheit (auch weiblich!) zu beantworten, gäbe den Gender-Ideolog(inn)en neue Daseinsberechtigung.

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