Glosse: Dichtung, Ehe und Wahrheit

„Dadurch haben sich die Menschen die Ehe zur Hölle gemacht, dass sie sie zu ihrem Himmel machen wollten.“ Der Mann, der dies geschrieben hat, Hölderlin, war zwar selbst nie verheiratet, seine große Liebe, „Diotima“ alias Susette Gontard, aber, in deren Haushalt der Dichter als Lehrer arbeitete. Solange bis „Diotimas“ Ehemann, der Bankier Jakob Gontard, von der heimlichen Beziehung seiner Gattin erfuhr und den Poeten vor die Tür setzte. Bald darauf starb „Diotima“ an den Röteln und Hölderlin wurde wahnsinnig. Womit bewiesen wäre, dass das Leben auch außerhalb der Ehe anstrengend sein kann und gelegentlich schiefgeht. Was an Hölderlins richtiger Ehe-Diagnose aber nichts ändert. Denn, wie anders als mit überhöhtem Idealismus soll man sich erklären, dass laut des Statistischen Bundesamtes jede dritte Ehe (36 Prozent) in Deutschland geschieden wird? Immerhin: Die Dauer der geschiedenen Ehen hat sich verlängert: Vor 20 Jahren betrug die durchschnittliche Dauer einer Ehe bis zur Scheidung 11 Jahre und 7 Monate, inzwischen kommen Paare, die sich scheiden lassen, auf 14 Jahre und 8 Monate. Drei Jahre und ein Monat länger. Ein kleiner Hoffnungsschimmer! Doch apropos Ehe-Diagnosen – der Schweizer Psychiater C.G. Jung, der zwar kein Heiliger war, aber im Unterschied zu Hölderlin verheiratet, sagte einmal: „Selten – vielleicht sogar nie – entwickelt sich eine Ehe problemlos und ohne Krisen zu einer einmaligen Beziehung, denn es gibt kein Bewusstwerden ohne Schmerz.“ Mit diesem Wissen kann eine Ehe doch zum Himmel werden. Stefan Meetschen

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