Glosse: Alles fließt! Aber wo fließt es hin?

Von Stephan Baier

„Panta rhei“, sagte Heraklit, denn „keiner steigt zweimal in denselben Fluss“. Die Tragödie des Konservativen: Alles fließt dahin, und wenn wir uns der Illusion hingeben, in denselben Fluss zu steigen, in den wir einst stiegen, so ist es doch anderes Wasser. Anders sind auch wir, „wir sind es und wir sind es nicht“ (Heraklit), jedenfalls älter. Nun floss auch die Regentschaft von Giorgos Papandreou in Griechenland, der verflossenen und verfließenden Heimat Heraklits, im Flussbett des Vergänglichen. Wer nun meint, als Präsident der „Panhellenischen Sozialistischen Bewegung“ sollte Papandreou für die permanente Revolution, jedenfalls für viel Bewegung sein, also kein Problem mit dem eigenen Hinwegrevolutioniertwerden haben, der irrt. Nicht nur die stets schmucke Garderobe des scheidenden Ministerpräsidenten Panhelleniens weist ihn als echten Konservativen aus. Auch stand er als Regierungschef in der Thronfolge, denn schon Vater Andreas und Großvater Georgios waren Ministerpräsidenten. Der Enkel kann sich über die nun beginnende Auszeit allerdings hinwegtrösten: Beide Ahnen waren zweimal und mit Unterbrechungen Regierungschefs, der Großvater 1944–45 und 1963–65, der Vater 1981–89 und 1993–96.

Da Heraklit nicht sagte, wohin alles fließt, könnte Giorgos Papandreou ab 2021 nochmals in denselben Fluss steigen. Freilich wären nach Heraklit dann beide (der Fluss und der Hineinsteigende) nicht mehr dieselben. Vielleicht hat die wirtschaftlich boomende Türkei der EU bis dahin ihren Beitrittskandidatenstatus abgelöst durch eine Wiedervereinigung mit Griechenland unter dem völkerverbindenden Namen „Byzantinisch-Osmanisches Großreich“. Oder wir haben uns, dem Vorbild der USA folgend, an China verkauft und sind die stolze Westprovinz des „Reichs der Mitte“.

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