Gentechnik gegen Hunger?

Solange die Auswirkungen gentechnisch behandelter Pflanzen nicht ermittelt sind, ist Vorsicht geboten. Von Reinhard Nixdorf
Foto: dpa | Gentechnisch veränderte Kartoffeln in einem Rostocker Labor.
Foto: dpa | Gentechnisch veränderte Kartoffeln in einem Rostocker Labor.

Für Bundeskanzlerin Angela Merkel ist die Sache klar: Bedenken gegenüber der Gentechnik dürfen nicht dazu führen, dass sich Deutschland aus der weltweiten Entwicklung entkoppelt. Zumal genveränderte Pflanzen als Lösung im Kampf gegen Hunger angesehen werden. Wenn es in Deutschland kein Hungerproblem gebe, dürfe dies „uns aber nicht davon abhalten, den Blick auch über den Tellerrand zu richten“. So die Bundeskanzlerin Mitte Dezember beim Festakt zum hundertfünfundzwanzigsten Jubiläum der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft in Berlin. Ähnlich äußerten sich Teilnehmer einer Studienwoche, die im Mai unter dem Patronat der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften stattfand: Gentechnik, „in geeigneter Weise und verantwortlich angewandt“, befanden die Wissenschaftler, könne „wesentliche Beiträge zur Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktivität und der Nahrungsqualität leisten“ – durch Verbesserung des Ertrags und der Nahrungsqualität der Pflanzen, durch verbesserte Resistenz gegenüber Schädlingen wie auch durch Erhöhung der Toleranz gegenüber Dürre und anderen physikalischen Stresssituationen. So könne vielen Menschen, besonders in Entwicklungsländern, geholfen werden. Damit ist nicht gesagt, dass der Vatikan den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen in der Landwirtschaft generell befürwortet. Die Kirche könne keine technischen Lösungen anbieten, sondern habe den Auftrag, für eine menschenwürdige Gesellschaft einzutreten, schrieb etwa der „Osservatore Romano“ unter Berufung auf die Enzyklika „Caritas in veritate“. Dazu gehöre auch die Anklage gegen den Skandal des Hungers in der Welt.

Aber hält die Gentechnik wirklich, was sie verspricht? Macht Gentechnik Lebensmittel gesünder? Sorgt sie für umweltfreundlichen Anbau? Ist sie ein Rezept gegen den Welthunger? Oder öffnet sich hier eine „Büchse der Pandora“ und setzt schlimmste Möglichkeiten frei, Strukturen des Lebens zu manipulieren? Was die Lebensmittel betrifft, ist ihre Qualität schon jetzt auch ohne gentechnische Behandlung hoch. Nährstoffmangel stellt sich eher als Folge verkehrter Ernährungsgewohnheiten ein. Versuche, mit Hilfe der Gentechnik Nahrungsmittel herzustellen, die frei von allergieauslösenden Substanzen sind, scheiterten bisher. So gelang es bis heute nicht, das Hauptallergen erfolgreich aus dem Reis zu entfernen. Selbst wenn dies gelänge, wäre Reis nicht allergenfrei, da im Reis mehrere Proteinfraktionen allergieauslösend sein können.

Überhaupt verläuft der Transfer eines fremden Gens, mit dem die Eigenschaft einer Pflanzenart auf eine andere übertragen werden soll, durchaus noch nicht so glatt und gezielt. 2005 gelang zwar die Übertragung eines Bohnengens auf eine Erbse, um diese resistent gegen einen Schädling zu machen. Doch bei Fütterungsversuchen an Mäusen traten Nebenwirkungen zutage, mit denen die Forscher nicht gerechnet hatten. Der Verzehr der gentechnisch veränderten Erbsen führte zu Lungenentzündungen. Offensichtlich hatte das veränderte Erbgut die Abwehrkraft der Mäuse durchbrochen.

Denn mit der Entzifferung des Genoms und der Kenntnis einzelner Funktionen der Gene ist das Geheimnis des Lebens noch nicht gelüftet. Ebenso wichtig ist die Erforschung der Wechselwirkungen der Gene untereinander und mit Proteinen. Solange von diesen Funktionen nicht genug bekannt ist, bleiben Transfers von Erbanlagen Rechnungen mit mehreren Unbekannten: Ihr Resultat kann sich durchaus erst langfristig zeigen. Auch der von Saatgutunternehmen erhobene Hinweis, der Anbau gentechnisch gegen Schädlinge immun gemachter Nutzpflanzen erspare teure Schädlingsbekämpfungsmittel, ist nicht ohne weiteres zu halten. Werden in Nutzpflanzen Bakteriengene eingebaut, mit denen sie für Insekten tödliche Stoffe, sogenannte Bt-Toxine, bilden können, kann das dazu führen, dass die Insekten durch die ständige Konfrontation mit dem Bt-Gift allmählich resistent werden. Dann muss der Kampf mit anderen Pestiziden weitergeführt werden.

Und ist die Gentechnik tatsächlich das passende Rezept gegen Hunger und Unterernährung? Die wachsende Weltbevölkerung muss schließlich ernährt werden. Der Klimawandel, der in vielen Regionen zu unregelmäßigeren Niederschlägen und mehr Dürren führt, erfordert Nutzpflanzen, die auf diese Veränderungen eingerichtet sind. Ist es da nicht besser, diese Nutzpflanzen gleich gentechnisch aufzubauen, statt auf Ergebnisse zu warten, für die die konventionelle Züchtung viel Zeit braucht?

Aber hinter Hunger und Mangelernährung stehen auch soziale Missstände, die der massenhafte Einsatz gentechnisch behandelter Nutzpflanzen nicht aus der Welt schafft. So ließ sich in manchen unterentwickelten Ländern der Bevölkerungsanteil unterernährter Menschen schon mit herkömmlichen Mitteln, durch Kultivierung heimischer Grundnahrungspflanzen, durch Ernährungsberatung und gezielte Unterstützungsprojekte und Bildungsprogramme senken.

Näher besehen schrumpfen die Vorteile der Gentechnik, während die Risiken wachsen: Einmal in die Natur freigesetzte gentechnisch veränderte Konstrukte verbreiten sich unkontrolliert und sind nicht rückholbar: 2006 etwa wurde bekannt, dass nicht zugelassener Gen-Reis aus den Vereinigten Staaten und China nach Europa gelangt war. Dieser Reis war bis dahin weltweit nicht als Lebensmittel zugelassen worden und wurde nirgendwo kommerziell angebaut. Trotzdem war eine Verunreinigung durch einen schon 2001 abgeschlossenen Versuchsanbau mit Gen-Reis verursacht worden. Solange nicht ermittelt ist, wie sich gentechnisch behandelte Pflanzen langfristig auswirken, ist Vorsicht geboten: Denn die Natur ist kein Versuchslabor und der Verbraucher kein Versuchskaninchen.

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