Rom/Paris

Gemeinsamer Glaube statt Erbfeindschaft

Auch in Italien und Frankreich hatte der Katholizismus bedeutenden Anteil am moralischen Wiederaufbau und der Versöhnung zwischen den Völkern. In Italien wurde Pius XII. zur Überfigur, die sich für die Versöhnung einsetzte, während der Militärbischof Picard de la Vacquerie den Grundstein für eine deutsch-französische Zusammenarbeit mit christlichen Werten legte.

Papst Pius XII. in Tuscolano
Papst Pius XII. spricht am 13. August 1943 zu der Menschenmenge im römischen Stadtviertel Tuscolano. Nicht nur in Italien sondern in ganz Europa wurde der Papst zu einem Leuchtturm in einer orientierungslosen Zeit. Sein Aufruf zur Versöhnung half dabei, dass Deutschland in die eu... Foto: Osservatore Romano

Ein römischer Priester hilft dem Widerstand - und wird dafür erschossen. Es ist ein Bild, das in hunderten Kinos des Jahres 1945 flimmert. Denn Italien ist nicht nur Zentrum des Katholizismus, sondern auch der Kunst. Das Land, das als Verbündeter an der Seite des Deutschen Reiches beginnt, mutiert ab 1943 zu Marionettenstaat und Besatzungszone der Nationalsozialisten. Es leidet nicht nur unter den Verwüstungen des Krieges, sondern auch an der eigenen Zerrissenheit: auf der einen Seite die faschistischen Kräfte, die loyal zur Achse halten, auf der anderen die Partisanen, die aus den ideologisch unterschiedlichsten Gruppen bestehen. Der Umgang mit dem Trauma der Besatzung, des Bürgerkriegs und der Kollaboration bricht sich im Kinofilm "Rom, Offene Stadt" von Roberto Rossellini Bahn. "Um die letzten Kriegstage in Rom nachvollziehbar zu machen, empfehle ich diesen Spielfilm, ein Klassiker unter den Filmen des italienischen Neorealismo", urteilt der Berliner Historiker Michael Feldkamp. "Ich erwähne diesen Film, weil man damit in Rom schon im Jahre 1945 versucht hat, auch die Vergangenheit aufzuarbeiten."

Nach der faschistischen Gefahr kam die rote Bedrohung

Dass Republikaner und Monarchisten, Kommunisten und katholische Priester zusammen gegen den Faschismus kämpften, wurde nicht nur zum Mythos, sondern auch zur Hypothek. Kaum war die faschistische Gefahr besiegt, erhob sich das Gesicht der roten Bedrohung. Ab dem Frühling 1945 verübten Kommunisten im berüchtigten "Dreieck des Todes" in der Emilia-Romagna gleich mehrere Massaker, darunter an katholischen Politikern, Seminaristen und Priestern. Der historische Kern von Giovannino Guareschis "Don Camillo und Peppone"-Geschichten liegt in dieser tiefen Spaltung. Das Bollwerk dagegen bot die "Democrazia cristiana", deren Wurzeln im katholis chen Widerstand gegen den Faschismus lagen; ihr Verhältnis zum Vatikan blieb dabei anfangs ambivalent.

Angesichts der italienischen Zustände wäre Papst Pius XII. mit den Problemen vor der eigenen Haustüre ausgelastet gewesen. Aber Pius, der von 1917 bis 1929 in Deutschland gelebt hatte, besaß ein "sehr wohlwollendes Verhältnis zu Deutschland", sagt der Pius-Experte Feldkamp, der mehrere Schriften zu diesem Papst veröffentlicht hat. "Er hatte zu vielen Menschen persönliche Beziehungen unterhalten und Vertrauen gefasst, von denen nicht nur der spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer tatkräftig am politischen Wiederaufbau Deutschlands beteiligt waren." Er wurde deshalb auch als "papa tedesco" bezeichnet. "Zu seinen wirklich bemerkenswerten Aktivitäten zählte es, die Alliierten davon zu überzeugen, dass man die Deutschen nicht mit einer Kollektivstrafe belegen dürfe." Außerdem setzte sich Pius bei den Siegermächten dafür ein, gegenüber Deutschland nicht dieselben Fehler zu begehen wie 1918. Im Einvernehmen mit den Amerikanern brachte Pius bis zum Jahr 1951 über 10.000 Tonnen Hilfsgüter im Wert von über neun Millionen US-Dollar nach Deutschland. Davon gingen allein 40 Prozent in die nur dünn besiedelte sowjetische Besatzungszone. "Ältere Katholiken in den neuen Bundesländern wissen noch heute davon zu erzählen", so Feldkamp.

Die "religiöse Karte" spielen

Papst Pius habe sich aber nicht erst ab 1945 für die Zukunft Deutschlands interessiert. "Pius XII. hat von den ersten Kriegsmonaten an bis zum Schluss des Krieges mit der deutschen Opposition gegen Hitler in Kontakt gestanden", erklärt der Experte für die Verhältnisse zwischen dem Heiligen Stuhl und Deutschland in dieser Zeit. "Nach dem Scheitern des Attentats vom 20. Juli 1944 gingen die westlichen Alliierten auf Distanz, weil sie nicht erkennen konnten, dass Deutschland bereit war, sich von Adolf Hitler zu trennen. Unabhängig davon richtete sich das Bemühen des Papstes darauf, nicht nur mittels der amerikanischen Besatzungsmächte einen päpstlichen Diplomaten in Deutschland zu installieren, sondern auch über ihn manches zum Erhalt der katholischen Strukturen und zum Aufbau der Länder beizutragen."

In Deutschland selbst waren es die Franzosen, die der katholischen Kirche großen Wert einräumten - dabei nicht immer ganz uneigennützig. General Gaston Bilotte empfahl nach einem Besuch des Trierer Bischofs Franz Rudolf Bornewasser seiner Regierung im Juni 1945, man müsse "die religiöse Karte spielen". Das hieß, französische Interessen sollten durch die Kirche gewahrt werden. Das betraf insbesondere die Eingliederung des Saargebiets, das in der französischen Besatzungszone und zugleich im Bistum Trier lag. Drei Jahre später hingegen antwortete General Pierre Marie Koenig auf ein Dankschreiben der deutschen Bischöfe: "Unsere Handlungsweise entsprach der französischen Tradition der Ehrfurcht gegenüber der Katholischen Kirche. Außerdem vergisst Frankreich weder den Kampf der katholischen Priester gegenüber den nazistischen Totalitätsansprüchen, noch die schweren Opfer, die sie bewusst auf sich genommen hatten." Außerdem sprach Koenig von der "aktiven Mitarbeit, die sie am Werk der Annäherung der europäischen Völker, insbesondere des französischen und deutschen Volkes leisten kann". Koenig hatte sich zuvor dafür eingesetzt, die Heiligen Messen in Deutschland mit Messwein zu versorgen.

Frankreich gezeichnet von jahrelaner deutscher Besatzung

Von einer solchen Versöhnung war 1945 in der französischen Bevölkerung noch wenig zu spüren. Frankreich hatte selbst unter jahrelanger deutscher Besatzung und den Verbrechen des NS-Regimes gelitten. 1936 bis 1948 hungerten nicht nur die Deutschen, sondern auch die Franzosen. Das vermeintliche Siegerland hing von der Unterstützung des Auslands ab, vornehmlich von den Amerikanern. Das Misstrauen gegenüber Deutschland saß tief: Nicht Versöhnung, sondern Sicherheitsgarantien gegenüber dem Nachbarn standen im Vordergrund.

Dennoch existierten innerhalb der französischen Gesellschaft differenziertere Ansichten. "Vielen Katholiken in Frankreich war der christentumsfeindliche Charakter des NS-Regimes durchaus bewusst", erklärt der Mainzer Historiker Michael Kißener, der sich als Mitglied der Kommission für Zeitgeschichte intensiv mit der Rolle der Katholischen Kirche im Aussöhnungsprozess mit Frankreich befasst hat. Bereits damals hätten französische Katholiken dafür geworben, die "Erbfeindschaft" mithilfe des gemeinsamen Glaubens zu überwinden. "Meiner Einschätzung nach ist der Katholizismus in Frankreich wie in Deutschland einer der wichtigen treibenden Kräfte im zivilgesellschaftlichen Versöhnungsprozess gewesen."

Ein wichtiger Kontakt: der französische Militärbischof de la Vacquerie

Kißener unterscheidet in Deutschland zwischen einer "älteren" und einer "jüngeren" Generation. Die ältere Generation blieb eher nationalem Denken verhaftet: So traf der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen zwar auf einer Romreise im Jahr 1945 die Kardinäle von Paris und Rouen, baute jedoch keine langfristigen Beziehungen auf. Auch Bornewasser zerstritt sich angesichts der Saarlandfrage eher mit der französischen Obrigkeit, als Brücken zu schlagen. Im Gegensatz dazu suchten der Aachener Bischof Johannes Joseph van der Velden, der Speyrer Bischof Isidor Markus Emanuel sowie Galens Nachfolger Michael Keller nach europäischen Wegen und einer Versöhnung mit den Nachbarn.

Ein wichtiger Kontakt dieser "europäisch" denkenden Bischöfe war der französische Militärbischof Picard de la Vacquerie, der später Bischof von Orléans wurde. Er besuchte 1947 seinen Speyrer Amtskollegen, ließ im Dom den Straßburger Chor auftreten und rief in seiner Predigt dazu auf, dass sich "Frankreich und Deutschland verbinden sollten, um eine Mauer des Widerstandes gegen Materialismus und Atheismus aufzurichten". Aus dem Kontakt wurde eine "veritable Freundschaft". Es folgten deutsch-französische Jugend- und Priestertreffen. Picard erwarb sich auch den Respekt von Bischöfen, die seiner Ideen einer "Organisation des christlichen Europas" zuerst reserviert gegenüberstanden. In Bühl trafen sich 1949 deutsche und französische Bischöfe. Wendelin Rauch, der Bischof von Freiburg, der das Treffen organisierte, betonte die besondere Rolle der Kirche bei der Völkerverständigung: "Die katholische Kirche müsste ja ohne Zweifel die erste Macht sein, die über die Grenzen und die jeweilige augenblickliche politische Lage hinweg den Gedanken der Zusammengehörigkeit der Völker sichtbar werden lässt und wirksam in die Welt hineinstellt. Und das aus ihrem innersten Wesen heraus."

Wichtige Etappe auf dem Weg zur Versöhnung

Kißener sieht darin eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Versöhnung, gefolgt vom Bau der Speyerer Friedenskirche 1953/54, die von französischen Katholiken mitfinanziert wurde. "Wichtig waren in der Anfangszeit auch ,Gebetskreuzzüge  und gemeinsame Wallfahrten deutscher und französischer Katholiken." Demnach hätten nicht allein politische Gründe wie der Kalte Krieg oder eine mögliche Marginalisierung der europäischen Mächte zu einer Zusammenarbeit der verfeindeten Nationen geführt. "Ebenso wichtig wie diese ,gouvernementalen  Ansätze waren auch  zivilgesellschaftliche  Bestrebungen", hebt Kißener hervor. "Auf diesem Feld wurden auch viele Katholiken, zum Beispiel in dem Friedensbund Pax Christi, aktiv, der sich die deutsch-französische Annäherung als erstes Ziel gesetzt hat." Das habe ein Klima der Versöhnung geschaffen, das essenziell wichtig war für das gegenseitige Verständnis. "Gemeinsame Wallfahrten und Begegnungen haben den Boden bereitet für die staatliche Annäherungspolitik."

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