Gastkommentar: Zerstörerisches Misstrauen

Von Albin Nees

Familien brauchen Wahlfreiheit. Der Staat, so gibt es die Verfassung vor, muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Eltern frei entscheiden können, wie sie die Betreuung ihrer Kinder gestalten wollen. Zu diesen Voraussetzungen gehören gute Betreuungsangebote. Bundesfamilienministerin Schröder (CDU) hat vergangene Woche über den Krippenausbau informiert. Aber Betreuungsangebote allein sind nicht hinreichend, um Wahlfreiheit zu schaffen. Wahlfreiheit setzt gleichwertige und gleich unterstützte Alternativen voraus. Deshalb wird der Krippenausbau, auch wenn eine Umsetzung der Ausbauziele gelingen sollte, dem Prinzip der Wahlfreiheit nicht gerecht. Denn er lässt die Familien außen vor, die während der dreijährigen Elternzeit einen anderen Weg gehen wollen – was ihnen wegen ihrer Erst- und Hauptverantwortung für die Erziehung (Art. 6 Abs. 2 Grundgesetz) nicht verwehrt werden kann. Bund, Länder und Kommunen setzen bei ihrer Investitions- und Finanzplanung für den Krippenausbau ganz selbstverständlich darauf, dass rund zwei Drittel der Eltern für ihre Kinder in den ersten drei Lebensjahren gar keinen Betreuungsplatz nutzen, sondern sie selbst betreuen wollen oder andere Betreuungsarrangements suchen.

Noch verheerender als der Verstoß gegen die Wahlfreiheit ist, dass in der Debatte über den Krippenausbau der Eindruck erweckt wurde, dass Kinder in staatlicher Verantwortung besser aufgehoben seien als in ihrer Familie. Daraus spricht ein ungerechtfertigtes und zerstörerisches Misstrauen gegenüber Familien, über das der Kern der Sache völlig verlorengegangen ist: nämlich die ideologiefreie Suche nach einer gerechten und gleichwertigen Förderung junger Familien während der dreijährigen Elternzeit. Eltern, die ihr Kind in seinen ersten Lebensjahren selbst betreuen wollen, handeln aus dem Wissen heraus, dass die frühe Bindungserfahrung in der Familie durch nichts zu ersetzen ist und dass Familie der erste und wichtigste Lernort ist. Der Staat investiert in einen Krippenplatz mindestens 700 Euro im Monat. Dieses Geld darf ihm nicht nur ein Teil der Kinder wert sein – das müssen ihm alle Kinder wert sein. Für die ersten drei Lebensjahre des Kindes schlägt der Deutsche Familienverband deshalb die Einführung eines Betreuungsbudgets vor, das bei allen Familien in bar ankommt. Natürlich ist das teurer als eine Ein-Drittel-Lösung. Aber wenn die Politik sich diese Investition nicht leisten will, dann soll sie es auch ehrlich sagen und sich nicht hinter einer Bevormunderrolle verstecken, die Familien abhängig und unfrei macht.

Der Autor ist Präsident des Deutschen Familienverbandes.

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