GASTKOMMENTAR: Mutter Teresa recht verstehen

Wer Mutter Teresa, die vor 100 Jahren zur Welt kam, nur als Sozialarbeiterin und Entwicklungshelferin sieht, kann dieser großen Frau nicht gerecht werden, sondern muss sie missverstehen. Mutter Teresa war eine Missionarin, deren Sehnsucht darin bestand, den Ruf Jesu am Kreuz „I thirst – mich dürstet“ (Johannes 19,28), diesen Ausdruck der Sehnsucht Gottes nach dem Menschen, zu beantworten. Die albanische Loreto-Schwester verließ ihren Orden, ging in die Slums und in die Paläste, in die Elendsviertel der materiellen und der spirituellen Nöte, um den Ärmsten der Armen den Reichtum der Liebe Gottes zu schenken. Unzählige Menschen verschiedenster Nation und Religionszugehörigkeit erkannten in ihr die Gestalt selbstloser christlicher Nächstenliebe. Rückblickend auf ihr Leben und Wirken erkennen wir das Design eines liebenden Gottes, der durch sie wieder ein paar Zeilen in „Seinem Liebesbrief an die Welt“ weiterschreiben wollte. Dieses Bild hat Mutter Teresa verwendet, um zu erklären, dass sie nur „ein Bleistift in Gottes Hand“ sei, ein Bleistift, der nicht seinen eigenen Text schreibt, sondern den Gott führt, um Sein Design immer tiefer in ihr Leben einzuschreiben. Sie, die gelobt hatte, „Jesus nie Nein zu sagen“, gründete auf Seine Weisung hin die „Missionarinnen der Nächstenliebe“, um Jesu Licht zu den Ärmsten der Armen in den Slums Kalkuttas und später in die materiellen, sozialen und spirituellen Slums der ganzen Welt zu bringen.

Der Weg in die geistige Tiefe nimmt für Mutter Teresa in den folgenden Jahren eine unerwartete, dramatische Wende. In einer Jahrzehnte währenden „Nacht der Seele“ lässt Jesus die Ordensfrau an Seinem Leiden in mystischer, aber realer, schmerzhafter Weise teilnehmen und Seine Gottverlassenheit am Kreuz („Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“, Markus 15,34) erfahren. Während ihr Orden sich über die Welt ausbreitet, erfährt sie – unbemerkt von ihrer Umgebung – durch eine quälende Gottferne den Schmerz der dürstenden Sehnsucht der Liebe nach Erwiderung dieser Liebe. Ihr wurde klar, dass der Ort, wo der Durst Jesu nach Liebe gestillt werden kann, nur die Hungrigen, Durstigen, Nackten, Heimatlosen sein können: „Jesus in der schrecklichen Verkleidung der Ärmsten der Armen“, in den Slums der Welt und in den geistigen Slums der Herzen aller Menschen.

Der Autor, heute Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich, war Begleiter, Berater, Beichtvater und Dolmetscher Mutter Teresas. Im April erschien sein Buch „Mutter Teresa: Die wunderbaren Geschichten“.

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