Gastkommentar: Libanon: Lernen, was helfen heißt

Was bleibt in Erinnerung, wenn man als katholischer Christ aus dem Libanon heimkommt? Der Blick von Notre-Dame du Libanon in Harissa aufs Mittelmeer und das geteilte Land, die große christliche Pilgerstätte des Libanons, in Jounieh, nördlich von Beirut. Nicht zu vergessen die Liturgie im antiochischen Ritus mit dem maronitischen Patriarchen Kardinal Rai. Er war es, der eine internationale Gruppe von katholischen Politikern in den Zedernstaat einlud, organisiert vom ICLN (International Catholic Legislator Network) unter Führung von Kardinal Schönborn aus Wien. Es war einerseits ein Solidaritätsbesuch für das vom Bürgerkrieg in Syrien stark mitgenommene Land und andererseits eine internationale Konferenz zur Zukunft und Rolle der Christen im Orient.

In einem Land von 5,5 Millionen Einwohnern leben zurzeit zusätzlich 1,8 Millionen Flüchtlinge, vor allem aus dem Irak und Syrien. Würden wir das auf Deutschland umrechnen, was wäre hier los, wenn wir etwa 30 Millionen Flüchtlinge aus unserer Nachbarschaft zu versorgen hätten? Die Fakten in Deutschland: mit 4 929 von 18 415 Asylerstanträgen war Syrien Hauptherkunftsland im vergangenen Monat, gefolgt von Serbien und Eritrea. Insgesamt wurden 2014 bislang 135 634 Asylerstanträge im Bundesamt für Migration und Flüchtlingen gezählt. Mit allen sogenannten Folgeasylanträgen finden sich in Deutschland derzeit 158 080 offizielle Asylanträge in der Statistik. Dies stellt gegenüber dem Jahr 2013 zwar eine Steigerung von über 60 Prozent dar, doch ist das kein Vergleich mit der Flüchtlingsdramatik im Libanon, der sich bis heute noch nicht vom Bürgerkrieg erholt hat, der 1989 mit dem Abkommen von Taif ein Ende fand.

Die parlamentarische Demokratie im Einkammernsystem und die Diversität der Religionen ist zwar in der Verfassung festgeschrieben – doch steht sie unter keinem guten Stern derzeit: Seit Mai 2014 hat der Libanon keinen Präsidenten mehr, dieser muss ein maronitischer Christ sein, doch die christlichen Politiker streiten, statt sich zu einigen, wie der ehemalige Innenminister und Christ, Zyiad Baroud bedauerte. Gestern scheiterte ein weiterer Wahlversuch. Üblicherweise müssen die vier höchsten Staatsämter mit Mitgliedern bestimmter religiöser Gruppen besetzt sein, das Staatsoberhaupt maronitischer Christ, der Parlamentspräsident schiitischer Muslim, der Regierungschef sunnitischer Muslim und der Oberbefehlshaber der Armee ein Christ. Innen- wie außenpolitische Spannungen, allen voran mit Israel, sind bis heute leider spürbar und behindern eine stabile und nachhaltige Wirtschaftsentwicklung. In dieser Situation sind die großen Leistungen der Christen und der Kirche in der Flüchtlingshilfe, der Friedens- und Sozialarbeit unerlässlich. Wir dürfen die Christen im Libanon nicht vergessen. Sie in dieser schwierigen Zeit zu unterstützen, ist das Gebot der Stunde. Zurück aus dem Libanon bleibt die Herzlichkeit und Gastfreundschaft im Gedächtnis, aber auch traurige Kinderaugen. Nie vergessen werde ich sie, Kinder, die nicht oder nicht mehr lachen können. Kinder von aus Mossul geflohenen Christen, die hier Zuflucht fanden. Mir bleibt vor allem die Hochachtung vor der Hilfsbereitschaft im Libanon in Erinnerung – deren Menschlichkeit ohne Ansehen der eigenen Schwierigkeiten und Herausforderungen, ohne Ansehen von Konfession und Herkunft. Menschlichkeit als Prinzip Hoffnung.

Der Autor ist Bundesvorsitzender der Ackermann-Gemeinde und europapolitischer Sprecher im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK)

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