Gastkommentar: Keine pauschale Managerschelte

Von Elmar Nass

Schwindelerregende Begrüßungsgelder oder Boni ohne erbrachten Erfolg der Begünstigten widersprechen dem freiheitlichen Leistungsprinzip ebenso wie jedem vernünftigen Gerechtigkeitsempfinden. Gleiches gilt für eine Praxis, bei der intransparente Lobbys oder nepotistische Netzwerke nach Gutsherrenmanier über die Höhe der Managergehälter von Aktiengesellschaften befinden. Das sollen die Eigentümer, die Aktionäre tun, was ebenso marktwirtschaftlich wie sozialethisch gut begründbar ist. Praktisch heißt dies, dass dem Prinzip der Vertragstreue gemäß vereinbarte Festgehälter über die vereinbarte Vertragszeit zwar abgesichert sind und nicht jedes Jahr neu verhandelt werden. Flexible Zusatzleistungen müssen von den Aktionären beziehungsweise durch den von ihnen beauftragten Aufsichtsrat regelmäßig und erfolgsabhängig beschlossen werden. Erfolg meint dabei nicht unbedingt den höchsten Gewinn auf dem Konto. Auch notwendige Umstrukturierungen etwa in kriselnden Unternehmen verdienen solche Anerkennung. Ludwig Erhard, Alfred Müller-Armack oder Josef Kardinal Höffner würden hier sofort zustimmen. Wenig erfreut wären die Altmeister Sozialer Marktwirtschaft über den Namen der „Volksinitiative gegen Abzockerei“. Durch solche Parolen aus der Mottenkiste des Klassenkampfes wird wieder einmal die altbewährte Karte der Neiddebatte herausgezogen. Und schon beeilen sich hierzulande manche Politiker, die populistischen Begrifflichkeiten für eigene Interessen zu nutzen. Sie passen gut ins Jahr der Bundestagswahl, die ja mit dem Thema ,Soziale Gerechtigkeit‘ entschieden werden soll. Soziale Gerechtigkeit ist aber – nach einer freiheitlich katholischen Sicht – keineswegs da zuhause, wo am lautesten Manager stigmatisiert werden. Meinung bildet sich heutzutage weniger über gute Argumente als über Stimmungen. Und Stimmungen lassen sich bestens über ebenso eingängige wie polarisierende Begriffe steuern. Die Diskussion über Gehälter verdient dringend eine Versachlichung. Sozial gerecht im Sinne Sozialer Marktwirtschaft ist ein vertrauensvolles Miteinander der Starken mit den Schwachen und umgekehrt! Sozial gerecht ist ebenso ein Vorrang der Marktfreiheit vor staatlicher Reglementierung. Und das verbieten gerade die nun laut werdenden Rufe nach staatlicher Bevormundung bei den Spitzengehältern. Die Eidgenossen hätten einer solchen Regelung sicher nicht zugestimmt. Denn sie stehen zu sehr in der Tradition des Rütli-Schwures. In Schillers Wilhelm Tell gilt dieses Versprechen dem sozialen Miteinander aller Schichten genauso wie der Freiheit: „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen... Wir wollen frei sein, ... eher den Tod, als in der Knechtschaft leben. Wir wollen trauen auf den höchsten Gott und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.“ Soziale Gerechtigkeit ist solches Vertrauen!

Der Autor ist Sozialethiker und lehrt an der Universität Aachen.

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