Gastkommentar: IS –Totgesagte leben länger

Nach wochenlangen Kämpfen verkündeten die von den USA unterstützten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) am 23. März die Eroberung von Baghus. Die kleine Stadt im Osten Syriens galt als letzte Bastion der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Nach diesem militärischen Erfolg kontrolliert der sogenannte „Islamische Staat“ im Irak und in Syrien kein Territorium mehr.

Jetzt sein Ende auszurufen, wäre aber verfrüht und gefährlich: Tausende IS-Kämpfer sind vor der Eroberung ihrer Gebiete untergetaucht und verstecken sich zwischen den Zivilisten in der Region. Viele von ihnen haben sich in die türkisch kontrollierten Gebiete um Idlib zurückgezogen, wo sie immer noch Sympathisanten haben.

Nach wie vor werden im Norden und im Nordosten Syriens beinahe täglich Anschläge verübt. Christen, Yeziden und andere religiöse Minderheiten sind besonders von der Gewalt betroffen.

Solange sich die Lage nicht stabilisiert, werden die Menschen in der Region weiter in Angst leben, die Geflüchteten in den Lagern in Syrien und seinen Nachbarländern werden nicht zurückkehren und beim Wiederaufbau helfen können. Von einer Stabilisierung ist zurzeit aber nichts zu sehen, im Gegenteil: Die Türkei könnte, wie in der Vergangenheit, durch eigene militärische Schritte weiter zur Eskalation beitragen.

Eigentlich wäre es an der NATO, den europäischen Regierungen, auch der Bundesregierung, den Aufbau demokratischer Strukturen in Nordsyrien zu unterstützen, Minderheiten zu schützen und auf die Achtung der Menschenrechte zu pochen. Doch bisher schweigen die westlichen Regierungen, bisher ist keine Gerichtsbarkeit für die tausenden gefangenen IS-Kämpfer in Sicht, bisher zaudert die internationale Gemeinschaft.

Unter diesen Umständen bleibt ein erneutes Erstarken des „Islamischen Staates“ oder anderer radikal-islamistischer Gruppierungen wahrscheinlich.

Der Autor ist Nachostexperte bei der Gesellschaft für bedrohte Völker

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