Berlin

Gastkommentar: Der Trumpismus wirkt nach

Nach dem Sieg von Joe Biden und Kamala Harris bei den US-Präsidentschaftswahlen wird nicht einfach alles wieder gut, meint Friedrich Merz. Warum er in der neuen Regierung für Europa trotzdem eine Chance sieht.

Kapitol in den USA
Eine Joggerin läuft an dem Kapitol vorbei. Das Präsidentschaftswahl ist vorbei, aber die zukünftige Mehrheit im Senat könnte durch Stichwahlen im US-Bundesstaat Georgia bestimmt werden. Foto: J. Scott Applewhite (AP)

Es dürfte ein großes Aufatmen durch die westliche Welt gegangen sein, als uns die Meldung erreichte, dass Joe Biden und Kamala Harris die Präsidentschaftswahlen in den USA gewonnen haben. Es war nicht der erwartete Erdrutschsieg, eher eine Zitterpartie. Aber immerhin, am Ende hat es gereicht. Es wird jetzt trotzdem nicht wieder alles gut. Die Republikanische Partei wird möglicherweise eine knappe Mehrheit im Senat behalten. Und 70 Millionen Trump-Wähler sind auch morgen noch 70 Millionen Amerikaner, die ihren neuen Präsidenten nicht ohne weiteres anerkennen werden.

Trump hat Gift in US-Gesellschaft getragen

Trump hat Gift in die amerikanische Gesellschaft hineingetragen, und davon wird sich Amerika so schnell nicht erholen. In den Senat ist unter anderem der Republikaner Lindsay Graham aus South Carolina wiedergewählt worden. Er hat ein gutes Wahlergebnis bekommen, obwohl er einst zu den Kritikern von Trump zählte und vielleicht weil er in den letzten Monaten zu einem seiner größten Unterstützer wurde. Ich habe Graham vor vielen Jahren als einen gemäßigten Republikaner kennengelernt, der mit John McCain eng zusammengearbeitet hatte. Dessen versöhnende und vermittelnde Haltung hat Graham sich nicht zu eigen gemacht. Er wird im Gegenteil dafür sorgen, dass die Polarisierung im Kongress und die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft fortbestehen bleiben. Der „Trumpismus“ wird noch lange nachwirken, und Graham dürfte einer der Garanten dafür sein.

Die neue Regierung aber ist eine Chance für uns Deutsche und für uns Europäer, die transatlantischen Beziehungen wieder auf ein festes und verlässliches Fundament zu stellen. Der Wiedereintritt Amerikas in das Pariser Klimaabkommen könnte ein erster Schritt sein hin zu einem Amerika, das sich international wieder stärker engagiert. Nutzen wir auch von unserer Seite aus die Chance, mit Amerika und seiner neuen Regierung unsere Wertegemeinschaft zu erneuern.

Der Autor kandidiert für CDU-Parteivorsitz. Bis 2019 war er Vorsitzender der Atlantik-Brücke

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.