Gastkommentar: Der Moses des 20. Jahrhunderts

Von Henryk Zieliñski

„Möge dein Geist niederfahren und das Antlitz der Erde verändern – dieser Erde!“ Der berührende Aufruf des polnischen Papstes beim Besuch 1979 in Warschau wird gemeinhin als Symbol verstanden für die inneren Änderungen, die zur Freiheit von Polen und zum Bruch des Eisernen Vorhangs, der Europa teilte, geführt haben. Aber schon die Wahl Karol Wojty³as auf den Stuhl Petri gab das Signal, um die zwischenmenschliche Entfremdung, auf welche sich das marxistisch-sozialistische System stützte, in Polen zu überwinden. Ein freies Polen sah Johannes Paul II. als integralen Bestandteil der freien Welt. Deshalb betonte er auch gegenüber seinen Landsleuten und der ganzen Welt, dass Polen seit mehr als 1 000 Jahren zur Familie der christlichen Nationen Europas gehöre. Er wies gleichzeitig darauf hin, dass seine Heimat und die ganze Familie der slawischen Länder nicht Bittsteller gegenüber dem reichen Westen seien, sondern dass sie alle dem Westen viel anzubieten hätten. Diese Einstellung unterstrich der polnische Papst, an dessen 10. Todestag wir uns jetzt erinnern, durch die Ernennung der beiden heiligen Apostel der slawischen Völker, Kyrill und Method, zu Patronen Europas – neben dem heiligen Benedikt.

Johannes Paul II., der uns sozusagen durch das Rote Meer führte, setzte sich – wie Moses zu Füßen des Horeb – dafür ein, dass die Polen in guter Weise die Freiheit nutzen. Sowohl in ihrer inneren wie auch in ihrer sozialen Dimension. Er sagte, dass man die Freiheit nicht besitzen könne, sondern sie täglich erringen müsse. Es genügt nicht, frei „von etwas“ zu sein, man müsse auch frei „zu etwas“ sein. Der polnische Papst warnte vor einer Freiheit, die zum Wahnsinn führen kann, weil sie Gott und die Wahrheit aus dem Blick verliert. Die selbst sogar festlegen möchte, was Wahrheit ist. Er wollte Polen vor der Diktatur des Relativismus, die schon damals im Westen immer stärker wurde, beschützen. Dies zeigt die lesenswerte Enzyklika „Veritatis splendor“.

Leider müssen wir heute konstatieren, dass – ähnlich wie das jüdische Volk am Horeb – viele Polen die wahre Lehre von der Freiheit nicht angenommen haben. Das Goldene Kalb hat auch an der Weichsel seine Anhänger gefunden. Doch es gibt auch Zeichen der Hoffnung: die „Theologie des Leibes“, die Johannes Paul II. förderte, findet oft einen unerwarteten Zuspruch und auch seine Hinweise auf die Göttliche Barmherzigkeit gewinnen immer stärker an Gewicht.

Der Autor ist Priester und Chefredakteur der Warschauer Kirchenzeitung „Idziemy“.

Themen & Autoren

Kirche