Panama-Stadt

Gast im Haus, Gott im Haus

Jeder ist gleich arm vor Gott, jeder gibt sein Bestes: Der Weltjugendtag hat begonnen. Eindrücke aus einem Land, in dem der Glaube zum Alltag gehört.
Skyline of Panama city in cloudy day
Foto: (238778951) | Cityscape of Panama city with bridge above bay in cloudy day, Panama

Der Weltjugendtag hat begonnen. Über 250 000 Teilnehmer werden erwartet, wenn Papst Franziskus am Sonntag die zentrale Messe feiert. Doch schon zu Beginn strömen am Dienstag über 70 000 junge Menschen an die Uferpromenade von Panama-Stadt, um die Eröffnungsmesse zu feiern. „Ihr seid eine neue Kirche, eine Kirche der Hoffnung“, ruft Erzbischof Jose Domingo Ulloa Mendieta den jungen Gläubigen zu. „Panama empfängt euch mit offenen Armen und Herzen, damit jeder von euch eine Begegnung mit Jesus erlebt“, so der Gastgeber. Panamas offene Arme haben auch junge Menschen aus Deutschland erfahren.

Ein paar Tage vorher. Die weiße Kathedrale St. Juan Bautista von Penonomé – eine Stadt südwestlich der Hauptstadt – ist hell erleuchtet und bunt geschmückt. Lateinamerikanische Musik, laute Mikrofonansagen, spanische Lieder und Jubelrufe schallen den 160 jetlag-geplagten Weltjugendtags-Pilgern aus Deutschland entgegen. Die Müdigkeit eines Zwölfstunden-Flugs und einer dreistündigen Busfahrt wird schlagartig durchbrochen vom Eintauchen in ein Farbenmeer bunter Gewänder und folkloristischer Tänze. Nach einer kurzen Stärkung auf dem Pfarrhof geht es in der Kathedrale weiter. Doro und Korbinian von Jugend2000 stehen mit Spanisch-Dolmetschern am Ambo und koordinieren das Zusammenfinden von Pilger und Gastfamilie. In den nächsten Tagen heißt es, Gast zu sein; sich gegenseitig beschenken und sich berühren zu lassen von der anderen Kultur, von der Art und Weise, wie der christliche Glaube in Panama gelebt wird. Es braucht Mut, sich darauf einzulassen. Wer macht das schon, sich Fremden als Gast auszusetzen?

Die 24-jährige Julia Spindler aus der Erzdiözese München und Freising betont die große Offenherzigkeit der Menschen, dass sie unfassbar herzlich und liebevoll von ihrer Gastfamilie aufgenommen worden sei. „Sie geben mir alles, was sie haben. Auch wenn das Haus nicht groß ist, so wird alles möglich gemacht.“ Julia erzählt von dem Stolz ihrer Gastfamilie, Pilger bei sich zu haben. Der Augsburger Weihbischof Florian Wörner, der die WJT-Gruppe begleitet, hat mit den Gastgebern gesprochen. Sie hätten zum Ausdruck gebracht: Gast im Haus, Gott im Haus. „Wenn man Gäste aufnimmt, dann ist es, wie wenn man Jesus selber aufnimmt“, sagt Wörner. Für die 21-jährige Johanna aus dem Bistum Augsburg bedeutet Jesus ins Haus bringen, Freude ins Haus zu bringen. Ein wenig stört sie zwar, dass die Häuser nicht dem deutschen Standard von Hygiene entsprächen, aber die Freundlichkeit mache alles wett, sagt sie. Der 31-jährige Stefan aus der Diözese Würzburg hat dagegen ein wenig Schwierigkeiten mit der Fremde. Er ist zum ersten Mal bei einem Weltjugendtag dabei. Der gelernte Schreiner aus der Gemeinde St. Bonifatius in Rannungen sagt, obwohl die Gastfamilie sehr nett sei, betrübe ihn eine Melancholie des Abstands und der Fremde. Natürlich gibt es die Google-Translate-Funktion auf dem Smartphone, aber es komme zu keinem richtigen Austausch.

Daniel Rietzler, Jugendpfarrer aus dem Bistum Augsburg, gibt in seiner Katechese in der St. António-Kapelle den jungen Erwachsenen drei Impulse mit auf den Weg: die Vergangenheit dankbar erinnern, die Gegenwart mutig annehmen, die Zukunft hoffnungsvoll aufbauen. Er spricht davon, den roten Faden der Liebe Gottes zu entdecken, der das ganze Leben durchzieht, der davor bewahrt, nach links oder rechts in den Abgrund zu stürzen. Wer glaubt, ist nie allein, so hat es Papst Benedikt XVI. einmal formuliert. Beim Weltjugendtag wird diese Botschaft sehr konkret. Rietzler unterstreicht in seiner Katechese den Wegcharakter des Glaubens und zitiert Papst Franziskus: „Seid keine Sofa-Katholiken, die es sich gemütlich einrichten“. Das spanische Wort „Vamos“ bedeute, gemeinsam loszugehen, aufzubrechen. Praktisch umgesetzt wird das mit einem gemeinsamen Kreuzweg auf den Alto Santa Cruz, einem Hügel in der Nähe der Stadt. Oben angekommen, bietet sich den Pilgern ein fantastischer Blick über das Gebiet von Coclé. Ein Holzkreuz wird aufgestellt und wer möchte, kann symbolisch einen Baum pflanzen.

Die nächsten Tage sind durchzogen von kulturellen Festivals, einer Parade durch die Straßen, es gibt Feuerwerk und Tanz. Svenja, Steffi und Andrea haben von ihren Gastfamilien die traditionellen panamaischen Kleider und Gewänder bekommen; bunte Röcke und verzierte Blusen, damit reihen sie sich tanzend ein in den bunten Umzug aus geschmückten Wagen, Trommlern und Reitern. Besonders beliebt sind bei den Tänzern der Panamenos verzierte Hexenmasken mit kleinen, runden Spiegeln.

Clemens Mennicke, Familien- und Jugendseelsorger aus dem Bistum Eichstätt, lobt die ansteckende Fröhlichkeit und Leichtigkeit der Panamenos, die sich auch in der Liturgie zeigt. Der Bischof von Penonomé Edgardo Cedeno, Weihbischof Wörner sowie der südafrikanische Kardinal Wilfrid Fox Napier aus Durban stehen während der Woche in Penonomé mehrmals am Altar und zelebrieren die Heilige Messe.

Matthäus Bochenski, ein unbeschuhter polnischer Karmelit, erzählt, dass er während der Tage ein abgelegenes Dorf besucht hat, das vierzig Autominuten und einen dreißigminütigen Fußmarsch entfernt von Penonomé liegt, um dort einen Gottesdienst zu feiern. „Die Leute waren unheimlich dankbar“, sagt er. Die Messe auf Spanisch zu lesen war für ihn ein besonderes Erlebnis. Nach dem Gottesdienst sei er gewandert, er habe Werkstätten besucht, wo Kunst aus Speckstein und Holz hergestellt wird, ältere Menschen hätten ihn in ihre Häuser eingeladen und um den Segen gebeten. Bergeweise Mandarinen und Orangen habe er geschenkt bekommen. Er habe zugesehen, wie süßer Zuckersaft aus Zuckerrohr gepresst wird und Kaffeebohnen geröstet werden. „Wir sind verwöhnt im Westen, die Menschen haben hier ein anderes Temperament“, sagt Matthäus ein wenig selbstkritisch und lacht. „Die Menschen meckern weniger, suchen nicht unbedingt nach neuen Sachen, sind froh darüber, was sie haben. Sie konzentrieren sich nicht nur auf das Rationale, sie bilden keine Eliten-Kirche. Die Kirche hat hier mehr Spontaneität, die Volksfrömmigkeit ist sehr stark verwurzelt, die Verehrung der Heiligen ausgeprägt. Besonders wird die Maria de Guadalupe verehrt. Das hat auch Julia in ihrer Gastfamilie erfahren. Ihr wurde erklärt, dass die Maria de Guadalupe dunkelhäutig ist, weil sie der indigenen Bevölkerung Lateinamerikas erschienen ist.

Am Samstag wird ein bunter Abend veranstaltet, der das gegenseitige Kennenlernen vertieft. Manche der deutschen Pilgerinnen haben ihr panamaisches, traditionelles Gewand vom Vortag gegen ein bayerisches Dirndl getauscht. Die Jungs tragen Lederhose und zeigen den Panamenos, was ein Schuhplattler ist. Zusammen wird auf der Bühne das deutsche Lied „Stark wie ein Tiger“ gesungen, die Gesten können die Kinder von Penonomé leicht nachmachen. Die Panamenos zeigen daraufhin einen verführerischen Tanz zwischen einem weißen Stier und einer schönen Frau. Zwischen ausgelassenem Tanz und Austausch gelingt auch so mancher Brückenschlag und so manches Sprachenwunder. Maria aus dem Erzbistum München und Freising resümiert: Die Panamenos leben ihren katholischen Glauben anders als in Deutschland – und zwar mit mehr Freude. „Der Glaube ist schön, Glaube macht ganz viel Freude, was bei uns in Deutschland oft untergeht. Der Glaube ist mehr im Alltag drin“, sagt sie. Das Sprechen mit dem Herzen am Esstisch in den Gastfamilien, ein Moment des Schweigens, ein gegenseitiges Zulächeln und Verstehen: Jeder ist gleich arm vor Gott, jeder gibt sein Bestes. Es sind diese Momente, wo man spürt, Jesus ist ganz nah. Er sitzt mit am Tisch.

Der Montag ist der Tag des Abschiednehmens von Penonomé. Nach einer Andacht mit Liedern aus den blauen „Jubilate Deo“-Büchern und dem Reisesegen verlässt der Pilgerbus die Hauptstadt von Coclé. Unterwegs hält die Pilgergruppe bei einer Don-Bosco-Kapelle, deren Dach von auffälligen Stahlträgern gehalten wird. Weihbischof Florian Wörner feiert die Heilige Messe und erinnert in seiner Predigt an das himmlische Hochzeitsfest zwischen Jesus und seiner Braut, der Kirche. Nach der Eucharistiefeier macht der Bus einen kleinen Umweg zum Pazifik, bevor es weiter nach Panama-City geht. Zum katholischen Weltjugendtag werden in der Hauptstadt nicht nur 250 000 Pilger erwartet, sondern auch die Originalstatue der Jungfrau von Fatima. Sie wird das erste Mal seit dem Jahr 2000 den weltbekannten Wallfahrtsort Fatima verlassen und in einer eigenen Kapelle auf dem Pilgerfeld Santa María de Antigua aufgestellt. Die Statue soll an das WJT-Motto aus dem Lukas-Evangelium erinnern: „Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe, wie du es gesagt hast“, oder wie der spanische Refrain der Weltjugendtagshymne besingt: „He aqui la Sierva del Senor, hágase en mí según tu palabra“.

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