„Für die Welt verborgen“

Benedikt XVI. nimmt Abschied: Traurigkeit liegt über Rom – Doch vor seinen Priestern spricht der Papst nochmals eine Stunde über das Zweite Vatikanische Konzil. Von Guido Horst
Foto: dpa | In freier Rede analysierte Papst Benedikt das Konzil, das auch er selbst prägte.
Foto: dpa | In freier Rede analysierte Papst Benedikt das Konzil, das auch er selbst prägte.

„Für die Welt verborgen.“ Das war das Wort des Tages. Mit diesem Ausdruck hat Benedikt XVI. bei seinem Abschied von den Priestern und Seminaristen Roms am Donnerstag den Zustand bezeichnet, den er für die Zeit erwartet, wenn er ab dem 28. Februar mit Gott, mit sich und wenigen Vertrauten alleine ist. Für immer. Wieder die Audienzhalle, wo er am Vortag bei fast festlicher Stimmung mit den Gläubigen zur Generalaudienz zusammengekommen war. Diesmal ist die Nervi-Halle nur halbvoll. Fünftausend Kleriker sind zum Abschied von Papst Benedikt herbeigeeilt. Laute „Viva il Papa“-Rufe, Beifall und donnernder Applaus, als die kleine weiße Gestalt die Bühne betritt.

Diesmal hat der Papst seinen Stock mitgebracht. Doch die Stimmung ist anders als am Vortag. Es weht eine große Traurigkeit durch die Halle. Viele der Priester können die Tränen nicht zurückhalten. Betroffenheit und Wehmut sprechen aus vielen Blicken. Der Papst hat kein Manuskript mitgebracht. Nur sich und seine Erinnerung. Er will vom Konzil erzählen. Begrüßt von seinem Vikar für die Diözese Rom, Kardinal Agostino Vallini, sitzt er nun an einem Tisch, direkt vor der modernen, monumentalen Skulptur des Erlösers, die die Frontseite der Audienzhalle ziert – oder verunstaltet, wie manche meinen. Wie so oft, wenn er frei spricht und nicht auf ein Manuskript schaut, fixiert Papst Benedikt einen imaginären Punkt im Raum, weit weg, irgendwo über seinen Zuhörern. Und spricht. Mit fester, klarer Stimme.

Am Vortag war es genauso gewesen. Der Papst hatte die Audienz fast fröhlich absolviert. Die einzelnen Ansprachen und Grüße hatte er deutlich und mit leiser, aber kräftiger Sprache vorgetragen. Doch dann am späten Nachmittag: Was für ein Unterschied! Die letzte feierliche Liturgie im Petersdom. Die Kardinäle und Bischöfe der Kurie waren erschienen, und viele Gläubige, die den deutschen Papst nochmals sehen wollten. Zwei Stunden dauerte der Aschermittwochsgottesdienst. Eine gesammelte, konzentrierte Feier, an deren Ende Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone eine bewegende Ansprache hielt. Es waren Worte des Dankes. Der scheidende Heilige Vater habe „Strahlen der Wahrheit“ in die Kirche und die Welt gebracht, „auch und vor allem in Augenblicken, in denen sich die Wolken am Himmel verdichten“, sagte Bertone. Der Amtsverzicht des Papstes entspringe der „Kraft und der Demut“ und sei zugleich ein mutiger Schritt. Aber auf den Herzen der Gläubigen liege „ein Schleier der Traurigkeit“.

Kaum hatte der Kardinal geendet, brach ein minutenlanger Applaus los, der Beifall wollte nicht enden, Benedikt XVI. schaute in die weite Basilika – und jetzt sah man ihm die Erschöpfung, die Müdigkeit wirklich an. Hatte er am Vormittag während der Generalaudienz noch fast erholt und frisch gewirkt, so stand nun hier ein alter, gebeugter Mann. Das fahrbare Podium nahm ihn nach dem Schlusssegen auf, langsam rollte es durch das Kirchenschiff auf den Ausgang zu. Der Chor stimmte das „Tu es Petrus“ an, eine Gefühlswelle brach durch den Dom, wer sich bis jetzt gegen die Tränen wehren konnte, fing nun endlich an zu weinen. Die Ordensfrauen weinten, viele der Bischöfe weinten, Privatsekretär Georg Gänswein weinte. Kardinal Bertone hatte von „Traurigkeit“ gesprochen.

Auch sie gehört für viele zu diesem Abschied, und am Donnerstag, bei der letzten Begegnung des Papstes mit seinem Klerus, war sie dann wieder zu spüren. „Unsere Begegnung heute“, sagte Kardinal Vallini bei der Begrüßung, „hat eine ganz besondere Bedeutung. Wir fühlen uns heute so ähnlich wie die Gemeinde von Ephesus, die Paulus vor seinem Aufbruch als Gefangener nach Rom noch ein letztes Mal zu sich ruft.“ – „Alle brachen in Tränen aus“, berichtet die Apostelgeschichte, „fielen dem Apostel um den Hals und küssten ihn.“ Zurzeit, so Vallini weiter, „erleben wir ein Wechselbad der Gefühle – Trauer und Respekt, Bewunderung und Bedauern, Zuneigung und Stolz“. Dann sprach Papst Benedikt. Er sei „sehr dankbar für euer Gebet, das ich fast physisch spüre“. „Auch wenn ich mich jetzt zurückziehe, bin ich doch im Gebet euch allen immer nahe, und ich bin mir sicher, dass auch ihr mir nahe sein werdet, auch wenn ich für die Welt verborgen bleiben werde.“

Benedikt XVI. sprach über das Konzil, an dem er selber als Berater von Kardinal Frings teilgenommen hatte. Er begann seine Erzählung mit einer Anekdote, die ein wenig die traurige Stimmung in der Halle löste. „1959 hat man mich zum Professor an der Uni Bonn ernannt, wo die Priesteramtskandidaten aus dem Erzbistum Köln und anderen umliegenden Bistümern studieren. So bin ich in Kontakt gekommen mit Kardinal Frings, und als dieser von Kardinal Siri von Genua 1961 gebeten wurde, einen Vortrag über das Konzil und die moderne Welt zu halten, hat Kardinal Frings mich, den jüngsten unter den Professoren, gebeten, ihm dazu einen Entwurf zu schreiben. Der hat ihm gefallen, und so hat er ihn in Genua genauso vorgetragen.“

Kurz darauf habe Johannes XXIII. Frings zu einer Audienz in den Vatikan bestellt. „Und er war voller Angst, ob er vielleicht etwas Unkorrektes oder Falsches gesagt haben könnte. Er fürchtete, dass man ihm jetzt Vorwürfe machen oder ihm sogar den Kardinalspurpur wieder entziehen könnte.“ Als sein Sekretär ihn für die Audienz angekleidet habe, so Benedikt weiter, habe dieser zu ihm gesagt: „Vielleicht tragen Sie das Zeug ja zum letzten Mal.“

Dann sei Frings hineingegangen, Papst Johannes sei ihm entgegengekommen, habe ihn umarmt und gesagt: „Danke, Eminenz, Sie haben genau das gesagt, was ich sagen wollte, aber ich habe nicht die Worte dafür gefunden!“ Nun lachen die Priester und klatschen Beifall, manchem ist der Kloß im Hals endlich heruntergerutscht. Diese Begebenheit, fügte Papst Benedikt hinzu, sei zu seiner Fahrkarte nach Rom geworden; Kardinal Frings habe ihn eingeladen, ihn als offizieller Peritus zum Konzil zu begleiten.

Es habe damals eine „unglaubliche Erwartung“ gegeben, meinte der Papst weiter: „Wir hofften darauf, dass alles sich erneuern würde, dass ein neues Pfingsten heraufziehen würde, eine neue Ära der Kirche.“ Benedikt spricht eine Stunde über das Konzil („Die Tagespost“ dokumentiert die Ansprache in voller Länge auf Seite 8), in geschliffener Sprache, druckreif, ohne Pausen und Unterbrechungen.

Und gibt am Ende noch seine Erklärung, warum es nach dem Konzil zu den beiden Lesarten, zum Streit um die Auslegung des Zweiten Vatikanums gekommen ist: Neben dem wirklichen Konzil habe es auch ein „Konzil der Medien“ gegeben: „Und das war fast ein Konzil für sich selbst. Die Welt hat das Konzil über die Medien wahrgenommen. Das unmittelbar auf die Menschen wirkende Konzil war das der Medien, nicht das der Väter.“

Dieses Medien-Konzil sei, anders als das wirkliche, keine Glaubensveranstaltung gewesen, sondern habe „den Kategorien der Medien von heute gehorcht, außerhalb des Glaubens, mit einem anderen Interpretationsschlüssel. Das war ein politischer Schlüssel: Für die Medien war das Konzil ein Machtkampf zwischen verschiedenen kirchlichen Flügeln.“ Ergebnis seien „Banalisierungen der Idee des Konzils“ mit Auswirkungen auf die liturgische Praxis und auf die Schriftauslegung. „Und das wahre Konzil“, so Benedikt XVI. „hatte Schwierigkeiten, sich zu verwirklichen – das virtuelle Konzil war stärker als das wirkliche.“ Das sei nun die Aufgabe: „Dafür zu arbeiten, dass das wahre Konzil Wirklichkeit wird und die Kirche wirkliche Erneuerung erfährt.“ Der Segen und der Abschied, die kleine weiße Gestalt verlässt die Aula. Die Priester strömen aus der Halle, manche werden draußen von den Kamerateams abgefangen und geben Interviews. Es sind historische Tage in Rom – und keiner weiß bisher, wie es sein wird, wenn die Stadt der Päpste Ostern feiern wird und mit einem neuen Nachfolger Petri aus Trauer und Bestürzung aufersteht.

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