Berlin

Friedrich Merz: Der Markwirtschaftler

Friedrich Merz polarisiert Freunde und Feinde wie kein anderer. Mit seiner Kirche ist der Katholik im Reinen. Doch was kann er konservativen Christen wirklich bieten?

Friedrich Merz im Porträt
Friedrich Merz, Kandidat für den Bundesvorsitz der CDU, nimmt an einer Diskussionsrunde im Konrad-Adenauer-Haus teil. Foto: Michael Kappeler (dpa)

Vor dem Reichstag hat ein großer Truck Halt gemacht: Ein großes Herz prangt auf dem Laster, dahinter seine Initialen: FM. Unterstützer werben Anfang der Woche in der Hauptstadt für Friedrich Merz. Dass die Vorstellung von einem CDU-Vorsitzenden oder gar einem Bundeskanzler Merz vor allem bei denen die Herzen höherschlagen lässt, die bei dem Gedanken an Angela Merkel eher Herzrasen bekommen, weil der Blutdruck steigt, ist nicht neu. Das war auch schon bei seiner ersten Kandidatur 2018 so, als der 65-Jährige knapp gegen Annegret Kramp-Karrenbauer unterlegen ist. Aber wofür schlägt das Herz von Merz? Ganz genau scheinen das eigentlich nur die Enthusiasten unter den Merzologen zu wissen, die leidenschaftlichen Anhänger wie die leidenschaftlichen Gegner des Sauerländers.

Das Narrativ vom großen schwarzen Ritter

Sie sind es, die das Narrativ von dem großen schwarzen Ritter prägen, der sich aus einem immerhin fast zwei Jahrzehnte andauernden politischen Dornröschenschlaf erhoben hat, um seine Partei zu retten: Endlich wieder CDU pur. Für seine Anhänger ist er eine Erlöserfigur, das Gegenbild zur Kanzlerin. Wo sie von Euro-Krise bis zur Flüchtlingsfrage fast an ihr irre geworden sind, wo sie verzweifelt sind an "asymmetrischer Wählermobilisierung" und ihrem sphinxhaften Habitus, da verspricht ihnen der Ordnungspolitiker Merz nun klare Kante. Und gar nicht so anders sieht das Merz-Bild auf der Linken aus: "Zurück in die Zukunft", heißt auch hier die Devise, nur eben mit negativem Vorzeichen. Merz, das ist für sie die alte Kohl-CDU, autoritär, miefig, provinziell, "geistig-moralische Wende" plus Kapitalismus: Endlich wieder ein Feindbild, gegen das sich linke Urängste mobilisieren lassen. Denn Merz ist anders als die Kanzlerin, die zuweilen grüner schillert als die Grünen und scheinbar mühelos alles, was links von ihrer Parteibasis liegt, zu integrieren scheint. Merz polarisiert wie kein anderer der Kandidaten. Er hat Adrenalin in die verschnarchte politische Kultur gepumpt, allein schon dadurch, weil er anders spricht, als es die letzten 15 Jahre Standard war. 

Seine Anhängerschaft, in- wie außerhalb der Union, ist heterogener, als es das Etikett "konservativ" vermuten lässt. Da gibt es die Nationalkonservativen, die mit Skepsis auf die Entwicklung der EU schauen, genauso wie die Europa-Fans, die auf neue Impulse für die träge gewordene Staatengemeinschaft spekulieren. Es gibt die Kritiker der Einwanderungspolitik, die von dem Erfinder der "Leitkultur" ein entschiedeneres Vorgehen gegen die Auswüchse des politischen Islam erwarten. Dann natürlich die Marktliberalen, die auf einen Ludwig Erhard 2.0 hoffen. Und nicht zuletzt auch Christen, voller Sorge um die Strahlkraft des "C" in der Union. Sie alle verbindet, angesichts der Wahlerfolge der AfD, der Ärger darüber, dass in der Ära Merkel die alte Formel von Franz Josef Strauß nicht mehr zu gelten scheint: Rechts von der Union darf es keine rechte demokratische Partei geben. Schließlich zeichnet die Merzianer eine Vorliebe für Verantwortungsethik und eine Abneigung gegenüber gesinnungsethischen Konzeptionen aus. Hinzu kommt der wohlwollende Blick seiner Anhänger auf seine Vita: Jurist, Katholik, zudem korporiert im Cartellverband, verheiratet, Vater und Großvater - diese westdeutsche Muster-Biographie bietet für jede Teilgruppe etwas. Auch hier das Gegenbild zur kinderlosen Kanzlerin mit FDJ-Erfahrung.

Er wird sich nicht in innerkirchliche Debatten einmischen

Doch was können Katholiken von einem CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz erwarten? Nehmen sie gar unter der ja eben durchaus vielschichtigen Anhängerschaft eine bevorzugte Stellung ein? Merz scheint mit seiner Kirche im Reinen. Von ihm ist, im Gegensatz zu anderen CDU-Politikern, nicht zu erwarten, dass er sich in Debatten um den Zölibat einmischt oder für das Frauenpriestertum plädiert. Mit kritischen Einwürfen zum Synodalen Weg ist freilich auch nicht zu rechnen. Das ist alles nicht sein Thema. Da hält er sich raus. Wie er zu diesen Fragen denkt, weiß man nicht. Die Gefahr, potenzielle Unterstützer zu vergraulen, wäre auch zu groß.

Friedrich Merz ist ein konventioneller Katholik im besten Sinne. Sein Eintreten für den Lebensschutz ist glaubwürdig, klar positionierte er sich in der Debatte um das Werbeverbot. An dem Kompromiss der 90er Jahre wird er nicht rütteln, am geltenden Status quo schätzt der Jurist die Rechtssicherheit. Aber wie sieht es mit den neuen Kulturkämpfen aus, die angesichts bioethischer Fragen von Gender über Homo-"Ehe" bis hin zu Leihmutterschaft und assistiertem Suizid ausbrechen; wird sich der schwarze Ritter ins Getümmel werfen? Manche katholischen Merz-Anhänger wollen in diesem Fall wohl gerne linker Stimmungsmache glauben.

Frieden geschlossen mit der Homo-"Ehe"

Aus der flapsig von Merz hingeworfenen Bemerkung, er habe nichts gegen Homosexualität, solange diese sich im Rahmen der Gesetze bewege und nicht Kinder betreffe, wollten diese nämlich den Aufschlag zu einem gesellschaftspolitischen Rollback unter einem Kanzler Merz erkennen. Merz-Freunde wie -Feinde überhörten dabei gleichermaßen, dass Merz ebenso bekannte, er habe mit einem homosexuellen Bundeskanzler keine Probleme. Auch mit der Homo-"Ehe", die er als Fraktionsvorsitzender noch klar zurückgewiesen hat, scheint er seinen Frieden gemacht zu haben. Hier wird der Jurist nicht bereits geschaffene Rechtssicherheit in Frage stellen wollen. Bleibt die Ordnungspolitik: In seinem neuen Buch, in dem Merz beschreibt, wie er die Soziale Marktwirtschaft erneuern will, zeigt er, dass Personalität, Subsidiarität und Solidarität für ihn keine Fremdwörter sind. Dem konsequenten Denker Merz ist zuzutrauen, dass er die Prinzipien der katholischen Soziallehre für diese Erneuerung fruchtbar zu machen weiß. Die Soziale Marktwirtschaft für die 20er Jahre sattelfest zu machen   das ist Friedrich Merz tatsächlich ein echtes Herzensanliegen.

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