Forscher greifen nach der Keimbahn

Wissenschaftler plädieren für Forschung an „verwaisten“ Embryonen – Leopoldina legt „Diskussionspapier“ zum „Genome editing“ vor

Berlin (DT/KNA/reh) Wissenschaftler der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina plädieren für eine Verwendung menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken. Dabei sollten „verwaiste“ Embryonen verwendet werden, die ursprünglich „für Fortpflanzungszwecke erzeugt wurden“ und „keine reale Lebenschance haben“, heißt es in einer am Mittwoch in Berlin veröffentlichten 32-seitigen Stellungnahme der elf Wissenschaftler. Auch solle die Forschung nur in der frühen Entwicklungsphase des Embryos erlaubt sein.

Forscher gehen davon aus, dass das als CRISPR/CAS-9 oder „Genome editing“ bezeichnete Verfahren die Möglichkeiten der Gen-Therapie revolutioniere. Bislang galten gezielte Eingriffe in das menschliche Erbgut als technisch schwer machbar und hochriskant. Mittels neuartiger, erst vor wenigen Jahren aufgefundenen „Gen-Scheren“ soll sich das Erbgut von Pflanzen, Tieren und Menschen nun jedoch zielgenauer, effizienter und kostengünstiger verändern lassen.

In Deutschland verbietet das Embryonenschutzgesetz die Erzeugung und Verwendung von Embryonen für die Grundlagenforschung. Umstritten ist die Rechtslage bezogen auf die Forschung an nicht entwicklungsfähigen Embryonen. Nach Ansicht der Leopoldina-Wissenschaftler ist die Forschung an frühen Embryonen für die Grundlagenforschung äußerst wichtig. Sie versprechen sich durch die neuen Methoden neue Erkenntnisse für das Verständnis der frühen Embryonalentwicklung und damit auch verbesserte Verfahren der In-vitro-Fertilisation und neue Therapien für genetische Erkrankungen. Schon heute würden erfolgversprechende klinische Studien an HIV-Patienten und zur Behandlung von Krebs durchgeführt. Zugleich betonen die Wissenschaftler, dass jede gezielte Keimbahnveränderung mit Auswirkungen auf einen später geborenen Menschen „beim derzeitigen Stand der Forschung unterbleiben“ solle. Dazu sei noch viel Forschung notwendig. Den Einsatz des „Genome editing“ zur Verbesserung von Eigenschaften des Menschen (Enhancement) lehnen die Wissenschaftler vorläufig ab: „Derartigen Interventionen stehen derzeit gewaltige Wissenslücken und nicht abschätzbare Risiken entgegen.“ Zudem müssten fundamentale ethische und soziale Fragen beantwortet werden.

Autoren des Papiers sind unter anderen der ehemalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Münchner Genforscher Ernst-Ludwig Winnacker, der Würzburger Molekularbiologe Jörg Vogel, der Mannheimer Jurist Jochen Taupitz, der evangelische Theologe Klaus Tanner (Heidelberg) und die Münsteraner Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert.

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