Europäische Stimme für das Leben

Der europäische Verband "One of us" diskutierte in Paris eine Grundsatzerklärung zur Menschenwürde - Sie bildet die Basis für ein europaweites Engagement der Initiative. Von Jean-Marie Dumont
Foto: one of us | Rund 150 Wissenschaftler und Repräsentanten von Lebensschutzorganisationen nahmen an dem Kongress in Paris teil. Dem Verband gehören 40 Mitgliedsorganisationen aus insgesamt 19 EU-Ländern an.

Der „Salle Médicis“ im Pariser Palais du Luxembourg ist gut gefüllt an diesem sonnigen Samstagmorgen. Normalerweise arbeiten hier die Parlamentarischen Kommissionen des französischen Senats. Doch heute haben sich dort auf Einladung der Bürgerinitiative „One of us“ gut 100 Personen aus etwa 20 europäischen Ländern eingefunden. Gegründet im Jahr 2014, vereint „One of us“ 25 europäische Lebensrechtsbewegungen unter einem Dach. Ziel der Bewegung ist es, die „Europäische Plattform One of us“ ins Leben zu rufen, um das „Denken und das Bewusstsein“ zu erwecken. Diese neue Initiative wird im Rahmen eines Kolloquiums gegründet. Den ganzen Tag lang folgt ein Redebeitrag auf den nächsten, einige sehr schöngeistig, andere eher juristischen, politischen oder praktischen Charakters. Unter den bekannten intellektuellen Rednern sind auch die Philosophen Rémi Brague, Pierre Manent und Olivier Rey. „Europa durchläuft zurzeit eine tiefgreifende Krise. Wir sind auf unsere intellektuellen Eliten und ihr Wissen angewiesen“, erklärt der republikanische Senator des französischen Départements Mayenne, Guillaume Chevrollier, in seiner Eröffnungsrede. „Ziel ist es nicht, sich zu beklagen“, so Thierry de la Villejégu, Generaldirektor der Stiftung Jérôme Lejeune und Vizepräsident von „One of us“, „sondern sich auf die Vernunft zurückzubesinnen. Wer könnte uns da besser zur Seite stehen als die europäischen Denker?“

Rettung der europäischen Zivilisation

Der Vortrag des angesehenen katholischen Philosophen Rémi Brague ist besonders bemerkenswert. „Überall ist zu spüren, dass sich aufgrund bestimmter Ideen ein leises Entsetzen breitmacht, noch ganz verhalten zwar, aber dadurch umso wirkmächtiger“, beklagt er, und ruft dazu auf, die „Kräfte der europäischen Denker freizusetzen“. Frei zu sein bedeute, bei jeder Sache bis zur Grenze dessen zu gehen, was diese Sache sein könnte. „Intellektuelle befreien ihren Geist, um das zu tun, wozu sie da sind: sich für die Wahrheit einzusetzen.“ Man fürchte nur eines: „Dass nachfolgende Generationen uns vorwerfen, nichts zur Rettung einer Zivilisation in Gefahr unternommen zu haben. Wir sind selber schuld, wenn wir schweigen!“ Ins selbe Horn stößt Olivier Rey von der Pariser Universität Sorbonne. Man erlebe „die Dekonstruktion der Natur, eine anthropologische Krise“.

Internationale Vernetzung vorantreiben

Bei dem Treffen, das Theorie und Praxis vereinen will, wechseln sich die Auftritte von bekannten Intellektuellen mit denen politischer Amtsträger (wie der ungarischen Staatssekretärin für die Familie, Katalin Novák) und von Sprechern der Lebensschutzorganisationen oder -bewegungen ab. Zur zehnköpfigen deutschen Delegation gehört beispielsweise Cornelia Kaminski, stellvertretende Vorsitzende der „Aktion Lebensrecht für Alle“ (AlfA), die zudem im Vorstand von „One of us“ sitzt. Kaminski geht auf die paradoxe Situation ein, in der sich die öffentliche Meinung in Deutschland befinde.

Man stelle alle konservativen Positionen als rechtsextrem dar und bringe damit die zum Schweigen, die sich für die Familie, für das Leben oder gegen die Genderideologie einsetzten. „Schon lange vor Beginn des Zweiten Weltkriegs hat die Ideologie der Nazis ihren Feldzug gegen die Menschlichkeit begonnen. Heute sehen wir das gleiche Phänomen wieder: Eine atheistische und zerstörerische Ideologie versucht, Christen zu marginalisieren, und vergisst dabei die Tatsache, dass die europäische Ordnung gar nicht ohne das christliche Denken bestehen würde.“

Mit der Gründung der neuen Denkfabrik verfolge man zwei Ziele, so Kaminski weiter. „Wir wollen denjenigen ein wenig Mut machen, die sich umsehen und fragen, ob sie sich denn in einem schlechten Film befänden. Ihnen wollen wir sagen, dass es andere Menschen gibt, die sich ähnlich fühlen.“ Das zweite Ziel sei es, mittelfristig die europäische Kultur zu beeinflussen. „Es gibt bereits mehrere Organisationen, die dafür kämpfen, die Familie und das Leben zu verteidigen, und auf europäischer Ebene existiert sogar ein Zusammenschluss dieser Organisationen.“ Was fehle sei eine Gruppe von Personen, die die Ursachen der aktuellen Situation analysiere, Handlungsstrategien entwickele, um ihnen etwas entgegenzusetzen, und so gleichzeitig eine Führungsrolle einnehme.

„Für mich ist diese Initiative sehr nützlich“, äußert sich Miroslav Mikolasik, der seit 2004 für die Slowakei im Europäischen Parlament sitzt und dort eine Arbeitsgruppe zum Thema Bioethik leitet. „Die Freimaurer, die Libertären und die Linken kennen sich, sie organisieren Konferenzen und koordinieren sich, und wirken so auf die öffentliche Meinung ein. Es ist unbedingt notwendig, dass auch wir, die Vertreter der Lebensschutz-Bewegung, uns gemeinsam organisieren. Einigkeit macht stark!“

Für den ehemaligen Arzt ist der intellektuelle Austausch ein essenzielles Element. „Man kann sich nicht damit zufrieden geben, für den Respekt für das Leben von der Empfängnis bis zum Tod zu kämpfen. Man muss ein konzeptuelles, wissenschaftliches, technisches oder juristisches Vokabular verwenden, das mit der Realität zusammenpasst und Eliten überzeugen kann.“

Ana Maria Delpino, europäische Koordinatorin von „One of us“, für die sie bereits seit 2012 arbeitet, zeigt sich sehr zufrieden mit dem Tag. „Uns ist es gelungen, eine beträchtliche Zahl von Intellektuellen aus ganz Europa zu versammeln, um gemeinsam Denkarbeit zu leisten.“

Auch Andrzeij Nowak, ein Historiker der Universität Jagellone im polnischen Krakau, teilt diese positiven Eindrücke. Er hält während der Konferenz einen Vortrag zum Thema Identität. „Diese Initiative ist wichtig, weil man momentan in Europa negativ betrachtet wird, wenn man sich nationalistisch äußert. Ich sehe das als Herausforderung: Wir müssen unsere Werte auf internationaler Ebene verteidigen, sowie unsere Kultur und das Christentum, auf der diese beruht.“ Besonders interessant findet er die Möglichkeit, auch einmal andere Intellektuelle zu treffen und sich gegenseitig zu unterstützen. Zudem hält Nowak es für unbedingt erforderlich, dass sich auch Intellektuelle und Aktivisten treffen, um sich über die Schnittpunkte zwischen Denken und Praxis auszutauschen.

Öffentliche Debatten prägen

„Auch wenn wir Acht geben müssen, nicht der Versuchung der Überheblichkeit zu verfallen, müssen wir praktischen genauso wie denkerischen Einsatz zeigen, um so die Öffentlichkeit zu berühren, sprich, öffentliche Intellektuelle zu sein.“ Der spanische Politiker und Präsident der Initiative „One of us“, Jaime Mayor Oreja, gibt schließlich in seinem Referat praktische Leitfäden, denen die neu gegründete Denkfabrik folgen sollte. „Diese Plattform ist gewillt, in der öffentlichen Meinung präsent zu sein.“ Seine intellektuelle Hauptreferenz ist Rémi Brague. Angesichts der Krise, in der sich Europa befindet, wird es nun eine der ersten Handlungen der Denkfabrik sein, eine Analyse zu erstellen, wie sich „Unruhe“ aktuell und in Zukunft manifestiert. So wolle man zu einem „Observatorium der Krise und der Werte“ werden.

Ziel ist es, nicht nur Mitglieder der Denkfabrik einzubinden und diejenigen, die es werden wollen, sondern auch Forscher an europäischen Universitäten. Diese könnten dann mit den Professoren, die sich für „One of us“ engagieren, zusammenarbeiten. „Wir befinden uns kulturell in einer vorpolitischen Situation“, ergänzt Oreja. „Wir werden geboren und pflanzen ein Korn – einen Embryo der Hoffnung.“

Aus dem Französischen übersetzt von Maximilian Lutz

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