„Ethik des Helfens führt nach Hadamar“

Der Gesetzentwurf der vier Hochschullehrer ebne der Euthanasie den Weg, befürchtet der Ehrenvorsitzende der Lebenshilfe Robert Antretter (SPD), der auch Mitglied der Bayerischen Ethikkommission ist. Von Stefan Rehder
Foto: Archiv | Robert Antretter.
Foto: Archiv | Robert Antretter.
Herr Antretter, der vergangene Woche präsentierte Gesetzentwurf will die in Deutschland bislang erlaubte Beihilfe zum Suizid unter Strafe stellen. Sie stellt das nicht zufrieden, warum?

Weil es so ja gar nicht ist. Wenn Sie sich anschauen, wer davon alles ausgenommen wird – Angehörige, Nahestehende, Ärzte –, kann von einem echten Verbot doch keine Rede sein. In Wirklichkeit würde, wenn der Gesetzentwurf im Bundestag eine Mehrheit fände, die derzeit von wenigen Sterbehilfevereinen praktizierte Suizidhilfe nur in andere Hände verlegt. In die von vielen Ärzten nämlich.

Etwas, was sich rund 70 Prozent der Bürger Umfragen zufolge wünschen ...

Sie wissen genauso gut wie ich, dass das Ergebnis von Umfragen meist davon abhängt, wie gefragt wird. Wenn ich frage, „Sollten Ärzte Patienten, die schwer leiden, helfen können?“, werden die meisten Menschen natürlich mit „Ja“ antworten. Ich auch. Suizidhilfe lindert aber nicht Leiden, sondern beseitigt die Leidenden. Das kann nicht der Weg sein.

Warum nicht?

Weil ein solcher Weg das Ende der Solidarität der Starken und Gesunden mit den Schwachen und Kranken bedeutet. Und weil er Kranke und Menschen mit Behinderungen vor die Frage stellen wird, ob sie sich ihrem Umfeld noch länger zumuten dürfen. Das wäre das Ende einer humanen Gesellschaft.

Der rechtspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Burkhard Lischka, hat erklärt, der Entwurf entspreche weitgehend den Vorstellungen seiner Partei. Fürchten Sie nicht, dass ausgerechnet die SPD das Ende einer solidarischen Gesellschaft einläutet?

Ich weiß nicht, ob Burkhard Lischka da korrekt zitiert wurde. Ich nehme in meiner Partei Viele wahr, die mit großer Sorge auf diesen Gesetzentwurf blicken. Im Übrigen ist der einzige, der sich bislang inhaltlich so klar positioniert hat, dass man vermuten muss, er könnte diesen Gesetzentwurf im Parlament unterstützen, Bundestagsvizepräsident Peter Hintze. Und der ist bekanntlich Mitglied der CDU.

... und spricht von einer „menschenfreundlichen Ethik des Helfens“ ....

Diese Ethik des Helfens führt nach Hadamar. Deshalb glaube ich auch nicht, dass Herr Hintze das schon zu Ende gedacht hat.

Die Autoren begründen ihren Entwurf aber ausdrücklich damit, dass die „Tötung auf Verlangen“, aus der in den Niederlanden vielfach eine „Tötung ohne Verlangen“ geworden ist, verhindert werden soll.

Aber das wird nicht gelingen. Sehen Sie, hier geht es um einen Paradigmenwechsel. Es mag ja sein, dass einige Ärzte bereits heimlich Suizidhilfe leisten. Das wären dann aber immerhin Einzelfälle. Der Gesetzentwurf würde solche Ausnahmen auf einmal zur gesellschaftlich akzeptierten Norm erklären. Und falls dies geschähe, wird es dabei nicht bleiben.

Sondern?

Dann werden wir Ärzte bekommen, die sich darauf spezialisieren. Patienten werden fragen, warum der eine einen assistierten Suizid bekommt und der andere weiter leiden soll? Man wird fragen, was mit denen geschehen soll, die den tödlichen Cocktail, den der Arzt ihnen reicht, nicht selbst trinken können? Und man wird finden, dass es keinen großen Unterschied macht, ob der Arzt dem Suizid assistiert oder das tödliche Werk selbst vollbringt. Ziel und Ergebnis sind ja jeweils identisch. Dann werden die Hürden, die der Gesetzentwurf jetzt aufstellt, Zug um Zug geschliffen. Und am Ende werden wir niederländische oder belgische Verhältnisse haben.

Das wäre die Wiederkehr der Euthanasie...

Die wir in Deutschland für überwunden geglaubt haben, ja. Mir leuchtet nicht ein, warum das kaum gesehen wird. Auf der schiefen Bahn gibt es keinen Halt. Dort gibt es nur eine Richtung: bergab.

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